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Vollständige Version anzeigen : Lagerdenken


Matcha
11-10-2005, 20:56
Große Koalitionen sind keine Liebesheiraten. Niemand mag sie wirklich, trotzdem sind sie manchmal notwendig. So wie jetzt. Wirklich vernünftige Alternativen sehe ich nicht.

Die Wähler haben am 18.9. entschieden, das sich die großen Parteien zusammentun sollen. Sie haben nicht für erneute Wahlen gestimmt, sie wollten auch keine Minderheitsregierung. Soviel steht für mich fest.

Den Wettlauf um das Kanzleramt hat der eindeutig bessere Kandidat verloren. Der Kandidat, dessen Agenda nicht sehr weit von dem entfernt ist, was in ein paar Wochen im Koalitionsvertrag stehen wird. Das ist natürlich ein bisschen verkehrte Welt, aber es ist nun mal so. Merkel wird Kanzlerin, Schröder zieht sich zurück.

In den letzten Wochen habe ich hier aus allen Richtungen häufig gelesen, dass man altes Lagerdenken überwinden muss. Aber kaum wird eine Personalie (wenn auch die wichtigste) nicht zur Zufriedenheit eines bestimmten Lagers entschieden, bricht dort genau dieses Lagerdenken wieder voll durch. Wasser predigen, Wein trinken, nenne ich das. Ich mag die sich abzeichnende Koalition auch nicht, schon gar nicht mit dieser Kanzlerin, aber sie hat trotzdem eine Chance verdient. Wenn ich dann lese, die SPD habe ihre Wähler verraten, indem sie Merkel als Kanzlerin akzeptiert, aber ohne dass eine einzige Koalitionsverhandlung stattgefunden hat, fehlt mir dafür schon ein bisschen das Verständnis. Es kann ja sein, dass diese Koalition nichts zustande bringt, aber dann wird sie sowieso nicht lange halten. Wenn sie aber wirklich etwas erreicht, bin ich die Letzte, die das nicht anerkennen würde. Es geht um das Land, nicht um Personen oder Parteien.

Die SPD hat in dieser Koalition die Chance, sich als wirksames soziales Korrektiv der neoliberalen politischen Kräfte zu profilieren. Erst wenn sie das nicht tut, würde ich sagen, dass sie ihre Wähler verrät. Aber keinen Tag vorher.

Meine Zweitstimme ging an die Grünen, aber mit der Erststimme habe ich SPD gewählt. Und ich fühle mich keineswegs verraten.

Darkfire
11-10-2005, 21:11
Schon komisch das man sowas immer nur bei den anderen sieht.

Freak
11-10-2005, 21:16
Schon komisch das man sowas immer nur bei den anderen sieht.


->Lesen
->Denken
->Posten


...das wäre für dich sicherlich ein gutes Motto! ;)

Dreamer
11-10-2005, 21:29
Super Matcha! :d: Ich kann wirklich jedem Satz zustimmen, da sie genau meine Meinung wiederspiegelt.

Serge
11-10-2005, 21:59
Große Koalitionen sind keine Liebesheiraten. Niemand mag sie wirklich, trotzdem sind sie manchmal notwendig. So wie jetzt. Wirklich vernünftige Alternativen sehe ich nicht.

Die Wähler haben am 18.9. entschieden, das sich die großen Parteien zusammentun sollen. Sie haben nicht für erneute Wahlen gestimmt, sie wollten auch keine Minderheitsregierung. Soviel steht für mich fest.

Den Wettlauf um das Kanzleramt hat der eindeutig bessere Kandidat verloren. Der Kandidat, dessen Agenda nicht sehr weit von dem entfernt ist, was in ein paar Wochen im Koalitionsvertrag stehen wird. Das ist natürlich ein bisschen verkehrte Welt, aber es ist nun mal so. Merkel wird Kanzlerin, Schröder zieht sich zurück.

In den letzten Wochen habe ich hier aus allen Richtungen häufig gelesen, dass man altes Lagerdenken überwinden muss. Aber kaum wird eine Personalie (wenn auch die wichtigste) nicht zur Zufriedenheit eines bestimmten Lagers entschieden, bricht dort genau dieses Lagerdenken wieder voll durch. Wasser predigen, Wein trinken, nenne ich das. Ich mag die sich abzeichnende Koalition auch nicht, schon gar nicht mit dieser Kanzlerin, aber sie hat trotzdem eine Chance verdient. Wenn ich dann lese, die SPD habe ihre Wähler verraten, indem sie Merkel als Kanzlerin akzeptiert, aber ohne dass eine einzige Koalitionsverhandlung stattgefunden hat, fehlt mir dafür schon ein bisschen das Verständnis. Es kann ja sein, dass diese Koalition nichts zustande bringt, aber dann wird sie sowieso nicht lange halten. Wenn sie aber wirklich etwas erreicht, bin ich die Letzte, die das nicht anerkennen würde. Es geht um das Land, nicht um Personen oder Parteien.

Die SPD hat in dieser Koalition die Chance, sich als wirksames soziales Korrektiv der neoliberalen politischen Kräfte zu profilieren. Erst wenn sie das nicht tut, würde ich sagen, dass sie ihre Wähler verrät. Aber keinen Tag vorher.

Meine Zweitstimme ging an die Grünen, aber mit der Erststimme habe ich SPD gewählt. Und ich fühle mich keineswegs verraten.

:d: Da kann man nur zustimmen.

(Bis auf die Stimmabgabe :D )

Hengsbach
11-10-2005, 22:25
Es geht um das Land, nicht um Personen oder Parteien.

Genau darum geht es. Was für Land wollen wir eigentlich? Diese Grundsatzdiskussion ist noch nicht zuende geführt worden.

Waschbär
11-10-2005, 22:58
Große Koalitionen sind keine Liebesheiraten. Niemand mag sie wirklich, trotzdem sind sie manchmal notwendig. So wie jetzt. Wirklich vernünftige Alternativen sehe ich nicht.

Die Wähler haben am 18.9. entschieden, das sich die großen Parteien zusammentun sollen. Sie haben nicht für erneute Wahlen gestimmt, sie wollten auch keine Minderheitsregierung. Soviel steht für mich fest.

Den Wettlauf um das Kanzleramt hat der eindeutig bessere Kandidat verloren. Der Kandidat, dessen Agenda nicht sehr weit von dem entfernt ist, was in ein paar Wochen im Koalitionsvertrag stehen wird. Das ist natürlich ein bisschen verkehrte Welt, aber es ist nun mal so. Merkel wird Kanzlerin, Schröder zieht sich zurück.

Das zu analysieren, bedarf es keiner großen Überlegungen und es wird wohl nicht all zu viele geben, die diese Einschätzung im Hinblick auf das Wahlergebnis nicht teilen.
Was die Besetzung des Kanzlerjobs angeht, war diese am Abend des 18.9. vom Wähler gegen den besseren Kandidaten entschieden. Die Frage die sich danach noch stellte, war lediglich, ob sie schon alleine deshalb zugunsten von Frau Merkel entschieden war. Das habe ich persönlich weder aus dem Wahlergebnis noch aus ihrer Qualifikation so gesehen.

In den letzten Wochen habe ich hier aus allen Richtungen häufig gelesen, dass man altes Lagerdenken überwinden muss. Aber kaum wird eine Personalie (wenn auch die wichtigste) nicht zur Zufriedenheit eines bestimmten Lagers entschieden, bricht dort genau dieses Lagerdenken wieder voll durch. Wasser predigen, Wein trinken, nenne ich das. Ich mag die sich abzeichnende Koalition auch nicht, schon gar nicht mit dieser Kanzlerin, aber sie hat trotzdem eine Chance verdient. Wenn ich dann lese, die SPD habe ihre Wähler verraten, indem sie Merkel als Kanzlerin akzeptiert, aber ohne dass eine einzige Koalitionsverhandlung stattgefunden hat, fehlt mir dafür schon ein bisschen das Verständnis. Es kann ja sein, dass diese Koalition nichts zustande bringt, aber dann wird sie sowieso nicht lange halten. Wenn sie aber wirklich etwas erreicht, bin ich die Letzte, die das nicht anerkennen würde. Es geht um das Land, nicht um Personen oder Parteien.

Jedem, der mit dem Verhandlungsergebnis nicht zufrieden sein kann, zu unterstellen, er sei dies aus parteipolitischem Kalkül, halte ich für eine ausgesprochen leichtfertige Analyse, die der Realität wenig Rechnung trägt.
Mich persönlich -und ich weiß dies auch von dem ein oder anderen Mitposter- interessieren weder die parteipolitischen Konsequenzen noch die aus dem Kompromis erwachsenden Ausgangspositionen für die nächsten Wahlen all zu sehr.
Ich habe bewusst SPD gewählt, weil ich eine große Koalition wollte und weil ich sie unter den gegebenen Mehrheitsverhältnissen unter den Wählern und unter Berücksichtigung jener im Bundesrat für die einzig sinnvolle Konstellation halte, die in der Lage ist, die noch notwendigen weiteren Reformen anzupacken ohne dabei den sozialen Zusammenhalt im Land auf's Spiel zu setzen oder mit unbedachten, wirkungslosen oder gar schädlichen Maßnahmen den sozialen Frieden leichtfertig zu gefährden.
Meine Erwartung an diese große Koalition -und auch da sehe ich mich nicht alleine- ist allerdings, dass daraus keine Verlegenheitsveranstaltung bis zur nächsten Wahl wird, die sich in allen Fragen auf den kleinsten gemeinsamen Nenner vereinbart und nicht die Kraft oder die Phantasie aufbringt, tatsächlich an der Lösung der Probleme des Landes erfolgreich zu arbeiten. Und daraus ergibt sich auch meine Kritik an der Kanzlerkandidatin Merkel, deren Akzeptanz durch die SPD ich nach wie vor für eine Fehlentscheidung halte. Eine erfolgreiche große Koalition bräuchte meiner Ansicht nach die besten Köpfe aus beiden Parteien. Schon alleine das ist mit Merkel nicht zu machen. Namen wie Merz -dessen politische Überzeugungen ich sicher nicht teile, dessen wirtschafts- und finanzpolitische Kompetenz ich trotzdem durchaus zu würdigen weiß- oder Seehofer, der anerkanntermaßen in der Gesundheitspolitik als einem der reformwürdigen Politikfelder eine überragende Fachkompetenz mitbringt, sind aus bekannten Gründen nicht auf Merkels Personaltableau zu finden. Das ganze "Kompetenzteam" verflüchtigt sich mittlerweile und übrig daraus bleibt noch das teAM, das im Zuge von Merkels Kanzlerposten für die persönliche Karriere das Kreuz tief gebückt hat. Aber auf der Seite der SPD sieht es nicht besser aus. Erfahrene Hasen wie Clement, Eichel, Renate Schmidt oder Struck, winken ebenso ab wie ein Hoffnugsträger Platzek. Übrig bleibt der Alterspräsident des Bundestages, der Parteivorsitzende und ein paar junge Netzwerker die angesichts der ohne Not ausgedünnten Personaldecke auf unerwartete Weihen spekulieren. Nicht dass ich nicht die Geduld hätte, all jenen, die nicht vom Personalkarussell schon abgesprungen sind eine Chance zuzubilligen. Ich könnte mir für diese nicht einfache Koalition und die ebenso schwierigen Aufgaben nur bessere Lösungen vorstellen und ich bin zuwenig Parteisoldat, wie ein Lemming hinterherzulaufen, nur weil der große Vorsitzende entschieden hat.

Die SPD hat in dieser Koalition die Chance, sich als wirksames soziales Korrektiv der neoliberalen politischen Kräfte zu profilieren. Erst wenn sie das nicht tut, würde ich sagen, dass sie ihre Wähler verrät. Aber keinen Tag vorher.

Meine Zweitstimme ging an die Grünen, aber mit der Erststimme habe ich SPD gewählt. Und ich fühle mich keineswegs verraten.

Ich habe keine Sorge, dass die SPD nicht gewaltiges Korrektiv in dieser Regierung würde, vielleicht wird sie es als Preis für Schröders Verzicht sogar zu sehr und überhaupt nichts geht mehr vorwärts im Land. Ich wünsche mir kein blockierendes sondern ein gestaltendes Korrektiv.

Alles in allem hast du bei deiner Wahl auch keinen Grund, dich verraten zu fühlen. Die Grünen werden gute Oppositionsarbeit machen und dein Direktkandidat wird abstimmen, wie es die Parteiraison von ihm verlangt.

netrose
11-10-2005, 23:05
Genau darum geht es. Was für Land wollen wir eigentlich? Diese Grundsatzdiskussion ist noch nicht zuende geführt worden.
Diese Grundsatzdiskussion hat noch nicht mal angefangen.

Sungawakan
12-10-2005, 06:48
Was die Besetzung des Kanzlerjobs angeht, war diese am Abend des 18.9. vom Wähler gegen den besseren Kandidaten entschieden.

Er mag ja der bessere Kandidat sein, ob er der bessere Kanzler gewesen ist, wird sich ja dann noch zeigen.

Matcha
12-10-2005, 16:54
Das zu analysieren, bedarf es keiner großen Überlegungen und es wird wohl nicht all zu viele geben, die diese Einschätzung im Hinblick auf das Wahlergebnis nicht teilen.
Was die Besetzung des Kanzlerjobs angeht, war diese am Abend des 18.9. vom Wähler gegen den besseren Kandidaten entschieden. Die Frage die sich danach noch stellte, war lediglich, ob sie schon alleine deshalb zugunsten von Frau Merkel entschieden war. Das habe ich persönlich weder aus dem Wahlergebnis noch aus ihrer Qualifikation so gesehen.



Jedem, der mit dem Verhandlungsergebnis nicht zufrieden sein kann, zu unterstellen, er sei dies aus parteipolitischem Kalkül, halte ich für eine ausgesprochen leichtfertige Analyse, die der Realität wenig Rechnung trägt.
Mich persönlich -und ich weiß dies auch von dem ein oder anderen Mitposter- interessieren weder die parteipolitischen Konsequenzen noch die aus dem Kompromis erwachsenden Ausgangspositionen für die nächsten Wahlen all zu sehr.
Ich habe bewusst SPD gewählt, weil ich eine große Koalition wollte und weil ich sie unter den gegebenen Mehrheitsverhältnissen unter den Wählern und unter Berücksichtigung jener im Bundesrat für die einzig sinnvolle Konstellation halte, die in der Lage ist, die noch notwendigen weiteren Reformen anzupacken ohne dabei den sozialen Zusammenhalt im Land auf's Spiel zu setzen oder mit unbedachten, wirkungslosen oder gar schädlichen Maßnahmen den sozialen Frieden leichtfertig zu gefährden.
Meine Erwartung an diese große Koalition -und auch da sehe ich mich nicht alleine- ist allerdings, dass daraus keine Verlegenheitsveranstaltung bis zur nächsten Wahl wird, die sich in allen Fragen auf den kleinsten gemeinsamen Nenner vereinbart und nicht die Kraft oder die Phantasie aufbringt, tatsächlich an der Lösung der Probleme des Landes erfolgreich zu arbeiten. Und daraus ergibt sich auch meine Kritik an der Kanzlerkandidatin Merkel, deren Akzeptanz durch die SPD ich nach wie vor für eine Fehlentscheidung halte. Eine erfolgreiche große Koalition bräuchte meiner Ansicht nach die besten Köpfe aus beiden Parteien. Schon alleine das ist mit Merkel nicht zu machen. Namen wie Merz -dessen politische Überzeugungen ich sicher nicht teile, dessen wirtschafts- und finanzpolitische Kompetenz ich trotzdem durchaus zu würdigen weiß- oder Seehofer, der anerkanntermaßen in der Gesundheitspolitik als einem der reformwürdigen Politikfelder eine überragende Fachkompetenz mitbringt, sind aus bekannten Gründen nicht auf Merkels Personaltableau zu finden. Das ganze "Kompetenzteam" verflüchtigt sich mittlerweile und übrig daraus bleibt noch das teAM, das im Zuge von Merkels Kanzlerposten für die persönliche Karriere das Kreuz tief gebückt hat. Aber auf der Seite der SPD sieht es nicht besser aus. Erfahrene Hasen wie Clement, Eichel, Renate Schmidt oder Struck, winken ebenso ab wie ein Hoffnugsträger Platzek. Übrig bleibt der Alterspräsident des Bundestages, der Parteivorsitzende und ein paar junge Netzwerker die angesichts der ohne Not ausgedünnten Personaldecke auf unerwartete Weihen spekulieren. Nicht dass ich nicht die Geduld hätte, all jenen, die nicht vom Personalkarussell schon abgesprungen sind eine Chance zuzubilligen. Ich könnte mir für diese nicht einfache Koalition und die ebenso schwierigen Aufgaben nur bessere Lösungen vorstellen und ich bin zuwenig Parteisoldat, wie ein Lemming hinterherzulaufen, nur weil der große Vorsitzende entschieden hat.



Ich habe keine Sorge, dass die SPD nicht gewaltiges Korrektiv in dieser Regierung würde, vielleicht wird sie es als Preis für Schröders Verzicht sogar zu sehr und überhaupt nichts geht mehr vorwärts im Land. Ich wünsche mir kein blockierendes sondern ein gestaltendes Korrektiv.

Alles in allem hast du bei deiner Wahl auch keinen Grund, dich verraten zu fühlen. Die Grünen werden gute Oppositionsarbeit machen und dein Direktkandidat wird abstimmen, wie es die Parteiraison von ihm verlangt.

*zustimm* Ich habe auch nicht dich und überhaupt niemand persönlich angesprochen, aber ich habe den Eindruck, dass diese Koalition schon totgeschrieben wird, bevor sie überhaupt die Chance hatte, sich zu bewähren.

Matcha
12-10-2005, 16:56
Genau darum geht es. Was für Land wollen wir eigentlich? Diese Grundsatzdiskussion ist noch nicht zuende geführt worden.

Konkretisiere die Frage mal, dann kann ich dir antworten.