Ida
02-12-2001, 09:03
Die Leiden des jungen Weihnachtsbaums
Ich bin eins zweiunddreißig. Für eine Fichte nicht gerade Gardemaß, aber für einen Weihnachtsbaum durchaus noch eine handelsübliche Größe. Allerdings leichte Haltungsschäden und etwas mager. Jedoch eine entfernte Bekannte von mir, die war regelrecht verwachsen und ist trotzdem als schmückendes Element eines Sparmarkts groß rausgekommen.
Ich hatte also Hoffnungen und sang bereits seit Wochen Abend für Abend das alte Lied ‚Vorfreude, schönste Freude’.
Eines Morgens kamen zwei mürrische Männer mit einer noch mürrischeren Axt. „Sauwetter“, sagte der eine. „Und lauter Krepelzeug“, knurrte der andere. „Die Stückzahl muß rauskommen“, antwortete der erste. Ich bekam einen ungeheuren Schlag gegen das Schienbein und ging zu Boden.
Der Hänger, auf den ich zu mir kam, musste von einer alten LPG sein. Dem Geruch nach. Mir war es Wurscht. Ich träumte von einer gemütlichen Stube, von Pfefferkuchenduft und sang leicht erregt das alte Lied ‚O Tannenbaum!’
Der Weihnachtsbaumverkauf fand an einer verdammt zugigen Straßenecke statt. Den Verkäufer hatte man aus der nichtarbeitenden Bevölkerung abgeworben. Wahrscheinlich mit Gewalt. Aber manchmal war er auch freundlich. Nämlich, wenn er nicht rausgeben konnte.
Für mich kamen harte Tage. Ich wurde gezerrt, gestaucht, getreten, weggeworfen, wieder hochgerissen, gebogen, gedreht und zweimal sogar angespuckt. mehrmals nadelte ich vor Angst und vor Scham unter mich. Aber nachts, wenn alles ruhig war, fasste ich wieder Mut und sang das alte Lied ‚O du fröhliche’.
Der mich nahm, hatte eine Betriebsweihnachtsfeier hinter sich und den Empfang zu Hause vor sich. Deshalb fackelte er nicht lange, zahlte doppelt und treidelte mit mir von dannen.
„Jedes Jahr dasselbe“, sagte seine Frau. Mehr Zeit war nicht, denn aus den Nachbarhäusern tönte schon Gesang.
Dann erstrahlte ich im Licht der Kerzen und im matten Glanz mehrfach getragener Kugeln. Die Kinder und die Oma wurden hereingelassen. Die alte Dame sang zitternd ‚Stille Nacht’. Alle drei Strophen. Die Kinder stürzten sich auf den zentnerschweren Geschenkesack. Der kleine Meik warf den nahezu lebensgroßen Raupenschlepper an und rief: „Der Baam steht im Wege!“
„Der Baum bleibt stehen“, sagte die Mutter. Der Vater hielt zum Sohn. Die Oma zur Mutter. Lisachen bekam Angst und heulte. Ich hielt mich raus und sang leise das alte Lied ‚In den Herzen ist's warm, still schweigt Kummer und Harm’.
Am zweiten Feiertag kam Onkel Richard. Er sah mich an, lachte sich scheckig und schrie: „Mensch Karl-Heinz, geklaut haste den bestimmt nich!“ Das genügte Karl-Heinz. In der Nacht darauf flog ich aus dem Fenster. Da lag ich nun auf der Grünfläche und sang voll Wehmut das alte Lied ‚Und ein Reh tritt aus dem Wald heraus’. Aber es war nur ein Schäferhund. Er hob das Bein. Gegen mich. Einen Liegenden – einen Weihnachtsbaum.
Das ist das Ende. Mir soll keiner mehr was erzählen vom Fest der Liebe. Wenn ich wieder mal zur Welt komme, werde ich Buche und gehe in die Hotelbranche als Bettgestell. Da ist bestimmt mehr Stimmung. Und das nicht nur zur Weihnachtszeit.
Ich bin eins zweiunddreißig. Für eine Fichte nicht gerade Gardemaß, aber für einen Weihnachtsbaum durchaus noch eine handelsübliche Größe. Allerdings leichte Haltungsschäden und etwas mager. Jedoch eine entfernte Bekannte von mir, die war regelrecht verwachsen und ist trotzdem als schmückendes Element eines Sparmarkts groß rausgekommen.
Ich hatte also Hoffnungen und sang bereits seit Wochen Abend für Abend das alte Lied ‚Vorfreude, schönste Freude’.
Eines Morgens kamen zwei mürrische Männer mit einer noch mürrischeren Axt. „Sauwetter“, sagte der eine. „Und lauter Krepelzeug“, knurrte der andere. „Die Stückzahl muß rauskommen“, antwortete der erste. Ich bekam einen ungeheuren Schlag gegen das Schienbein und ging zu Boden.
Der Hänger, auf den ich zu mir kam, musste von einer alten LPG sein. Dem Geruch nach. Mir war es Wurscht. Ich träumte von einer gemütlichen Stube, von Pfefferkuchenduft und sang leicht erregt das alte Lied ‚O Tannenbaum!’
Der Weihnachtsbaumverkauf fand an einer verdammt zugigen Straßenecke statt. Den Verkäufer hatte man aus der nichtarbeitenden Bevölkerung abgeworben. Wahrscheinlich mit Gewalt. Aber manchmal war er auch freundlich. Nämlich, wenn er nicht rausgeben konnte.
Für mich kamen harte Tage. Ich wurde gezerrt, gestaucht, getreten, weggeworfen, wieder hochgerissen, gebogen, gedreht und zweimal sogar angespuckt. mehrmals nadelte ich vor Angst und vor Scham unter mich. Aber nachts, wenn alles ruhig war, fasste ich wieder Mut und sang das alte Lied ‚O du fröhliche’.
Der mich nahm, hatte eine Betriebsweihnachtsfeier hinter sich und den Empfang zu Hause vor sich. Deshalb fackelte er nicht lange, zahlte doppelt und treidelte mit mir von dannen.
„Jedes Jahr dasselbe“, sagte seine Frau. Mehr Zeit war nicht, denn aus den Nachbarhäusern tönte schon Gesang.
Dann erstrahlte ich im Licht der Kerzen und im matten Glanz mehrfach getragener Kugeln. Die Kinder und die Oma wurden hereingelassen. Die alte Dame sang zitternd ‚Stille Nacht’. Alle drei Strophen. Die Kinder stürzten sich auf den zentnerschweren Geschenkesack. Der kleine Meik warf den nahezu lebensgroßen Raupenschlepper an und rief: „Der Baam steht im Wege!“
„Der Baum bleibt stehen“, sagte die Mutter. Der Vater hielt zum Sohn. Die Oma zur Mutter. Lisachen bekam Angst und heulte. Ich hielt mich raus und sang leise das alte Lied ‚In den Herzen ist's warm, still schweigt Kummer und Harm’.
Am zweiten Feiertag kam Onkel Richard. Er sah mich an, lachte sich scheckig und schrie: „Mensch Karl-Heinz, geklaut haste den bestimmt nich!“ Das genügte Karl-Heinz. In der Nacht darauf flog ich aus dem Fenster. Da lag ich nun auf der Grünfläche und sang voll Wehmut das alte Lied ‚Und ein Reh tritt aus dem Wald heraus’. Aber es war nur ein Schäferhund. Er hob das Bein. Gegen mich. Einen Liegenden – einen Weihnachtsbaum.
Das ist das Ende. Mir soll keiner mehr was erzählen vom Fest der Liebe. Wenn ich wieder mal zur Welt komme, werde ich Buche und gehe in die Hotelbranche als Bettgestell. Da ist bestimmt mehr Stimmung. Und das nicht nur zur Weihnachtszeit.