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Alt 14-02-2016, 20:27
L with
...lebt...
 
Benutzerbild von L with
 
Registriert seit: 01-2004
Ich habe den Thread jetzt gerade erst entdeckt und ich poste mal ohne Kenntnis der Postings.

Ich werde bei diesem Thema sehr schnell emotional, weil ich nicht nur eine fachliche Meinung dazu habe, sondern selber Betroffener bin.

Bei ADS und ADHS verhällt es sich leider wie bei einer Vielzahl psychischer Störungen: Sie werden wahlweise stigmatisiert oder verniedlicht. Generell besteht in der Gesellschaft eine Tendenz dahingehend, dass es ein Problem in Abhängigkeit vom eigenen Weltbild zu geben haben darf oder nicht. Psychische Störungen hat es da tendenziell eher nicht zu geben: Der Depressive soll sich mal nicht so hängen lassen, der AD(H)Sler sich zusammenreißen.
In letzterem Fall, und da spreche ich jetzt vorrangig als Betroffener denn als Psychologe, wird die Argumentation häufig extrem auf einfache und platte Wahrheiten verkürzt.
Wenn ich schon höre, dass sich Kinder früher austoben durften und sie heute als krank gelten, kriege ich eine leichte Krise. Auch, wenn von "Ruhigstellen" mit Methylphenidat (Ritalin/Medikinet) die Rede ist.
Da ich es selber einnehme behaupte ich mal aussagen zu können, dass ich mich weder als ruhiggestellt empfinde, noch als gefügiger Roboter.
Solche Zerrbilder kommen eigentlich immer von Leuten, die selber keine Sekunde ihres Lebens nachfühlen mussten, was eigentlich im Körper eines AD(H)Slers vorgeht.

Wenn es um das Wohl der Kinder geht, so wird zudem die Sichtweise völlig verkürzt auf rein körperliche Nebenwirkungen von Methylphenidat. Nicht, dass diese nicht berücksichtigt werden sollten, aber sie sind nur die eine Hälfte der Wahrheit.

Die Tatsache ist, dass mit schöner Regelmäßigkeit die langfristigen psychosozialen Folgen unter den Tisch fallen. Wenn also der oder die Betroffene sich der ewig gleichen Erfahrung ausgesetzt sieht, nicht mit den anderen mithalten zu können. Wenn irgendwann das Verständnis auch schnell zu Ende ist. Wenn der Schulabschluss vermasselt wird und auch die berufliche Aus- und Weiterbildung flöten geht. Stehen auch dann die Besserwisser bereit und helfen ganz praktisch? Natürlich nicht. Dann war er oder sie halt ein Taugenichts oder willensschwach.

Diese Störung zu haben bedeutet aber, dass man sich tatsächlich nicht zusammenreißen kann.
Die Konzentration kann so unglaublich limitiert sein, dass man wahlweise nach kurzer Zeit in extreme Müdigkeit verfällt oder aber sich nicht mehr halten kann und aufstehen muss.
Besonders bei Aufgaben, die ruhiges Sitzen und Konzentrieren erfordern, empfinde ich dies als blanke Folter.
Wenn ich beispielsweise längere Fachtexte lesen muss, dann baut sich in mir eine innere Spannung auf, die mich förmlich innerlich zerreißt. Es ist, als würde ich innerlich kochen. Die Augen tanzen wie wild über den Text, es ist, als würde man mir mit einem Magneten die Gedanken aus dem Kopf saugen. Wenn ich einen schlimmen Tag habe, schaffe ich es nicht, einen einzelnen Satz (!) zu lesen. Ich muss dann aufstehen und mich bewegen! Tausend Sachen werden gleichzeitig begonnen, nichts davon zu Ende gebracht.
Damit nicht genug. Die extreme Vergesslichkeit, die tonnenweisen Flüchtigkeitsfehler, die direkt vor der eigenen Nase passieren, bringen einen fast zur Verzweiflung.

Natürlich hört dann das Verständnis der Umwelt auf, wenn es um die Schwierigkeiten geht, die man durch seine Störung im Leben hatte: "Na da hat er sich natürlich auch eine bequeme Ausrede zurecht gelegt" und "Wenn man will, dann kann man auch" sind nur die üblichsten Aussagen.
Besonders pikant ist dies in der extremen Leistungsgesellschaft der Hochschule, wo man für Professoren schnell nur noch der auszusiebende akademische Restmüll ist, weil man es eben nicht geschafft hat, sich durch die 2000 Seiten Fachtext im Semester zu quälen.
Für mich war das Studium ein einziger Spießrutenlauf und in jedem einzelnen Semester habe ich ernsthaft überlegt, aufzuhören.
Ritalin ist nicht die Lösung, aber ein bedeutender Baustein.

Geändert von L with (14-02-2016 um 20:31 Uhr).
L with ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 14-02-2016, 20:34
GrauePantherin
mehr grau als Pantherin..
 
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Registriert seit: 10-2003
Ort: FFM-Hibbdebach
Zitat:
Diese Störung zu haben bedeutet aber, dass man sich tatsächlich nicht zusammenreißen kann.
Zitat meines damals 5-jährigen Sohnes, tränenüberströmt: "Ich will so gerne lieb sein, aber es passiert mit mir!"
GrauePantherin ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 14-02-2016, 20:58
Perrier
Schwanz drüber... 420
 
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Registriert seit: 10-2005
Gutes Post, L with!
Wird, denke ich, zu dem einen oder anderen Aha-Effekt führen.
Perrier ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 15-02-2016, 10:14
SilverER
Gutmensch
 
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Registriert seit: 12-2007
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Eine Cochrane Metastudie aus dem November 2015, in der 185 Studien verglichen wurden, kommt zu dem Ergebnis einer sehr geringen Wirksamkeit von Methylphenidat. 72 dieser 185 Studien wurden zudem durch die Pharmaindustrie finanziert.

Zitat:
Warum ihr Urteil so zurückhaltend ausfällt, verrät ein Blick in die 673 Seiten lange Auswertung der Cochrane-Forscher. Auf einer ADHS-Bewertungsskala aus Sicht von Lehrern, mit der die Ausprägung der Symptome von 0 bis 72 Punkten eingeordnet wird, haben Ritalin und vergleichbare Medikamente zu der marginalen Linderung von 9,6 Punkten geführt. Weil die Bewertung so subjektiv ist und starken Schwankungen unterliegt, gilt erst eine Veränderung von 6,6 Punkten als Wirkung, die von minimaler Relevanz ist.

Eine andere Bewertungsskala aus Sicht von Eltern, Kindern und Jugendlichen reicht von 0 bis 100 Punkten. Hier wird die minimale klinische Relevanz mit sieben Punkten Veränderung angegeben - die aktuelle Studie ergab eine Verbesserung der Symptome um acht Punkte.
SZ
Cochrane
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Alt 15-02-2016, 10:35
Koryphäe
*wunschlos glücklich*
 
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Registriert seit: 04-2010
Ort: Büdchen+MTT+Doku/Reality
Zitat:
Zitat von SilverER Beitrag anzeigen
ADHS wird gerade im Kindes-/Jugendlichen-alter in den letzten Jahren relativ häufig diagnostiziert, während die Wirkmechanismen noch nicht vollständig geklärt sind. Als "Verursacher" wurden in den vergangenen Jahren eine Dysbalance zwischen den Hormonen Dopamin, Noradrenalin und Serotonin identifiziert. Seit einigen Jahren wird Methylphenidat, im Volksmund Ritalin genannt, verabreicht, um diese Dysbalance zu vermindern. Forscher von der Stony Brook University haben vor einiger Zeit herausgefunden, dass sich das Gehirn von Ritalin-Patienten an die medikamentöse Blockade angepaßt haben und entsprechend mehr Transportermoleküle produzieren...


Spektrum
Nicht ganz korrekt. Methylphenidat wird nicht im Volksmund automatisch Ritalin genannt. Es handelt sich bei Ritalin um ein Medikament mit dem Wirkstoff Methylphenidat. Des Weiteren gibt es da noch Medikenet, Equasym und ähnliches. Einen Unterschied gibt es in den Medikamenten: manche schütten direkt 100 % der Wirkmenge aus, andere erst 30 % und nach einigen Stunden weitere 70 %, manche im Verhältnis 50 %, 50 % etc. Welches Medikament besser passt, muss durch die Einstellungsphase geklärt werden.
Was ich bestätige ist, dass die Diagnose zugenommen hat, seitdem auch Kinderärzte verschreiben dürfen. Das gab es früher nicht. Man musste mit seinem Kind zum Psychiater (oder man selbst, in meinem Fall bin ich selbst betroffen, nehme aber keine Medikamente), dort wird die Diagnostik gemacht und nur der durfte Medikamente aufschreiben.
Mir macht die Entwicklung große Sorgen-und auch die Denke der Leute. Pillen rein und dann ist es gut-ohne Verhaltenstherapie oder Ähnliches. Ich finde das fatel, hat mir letzteres doch erst geholfen, ohne Medikamente auszukommen. Gut, für manche Dinge brauche ich länger-Fahrstunden zum Beispiel. Aber sonst komm ich gut zurecht.
Koryphäe ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 15-02-2016, 12:22
zai-feh
unregistriert
 
Zitat:
Zitat von SilverER Beitrag anzeigen
Eine Cochrane Metastudie aus dem November 2015, in der 185 Studien verglichen wurden, kommt zu dem Ergebnis einer sehr geringen Wirksamkeit von Methylphenidat. 72 dieser 185 Studien wurden zudem durch die Pharmaindustrie finanziert.


SZ
Cochrane
Dann gehöre ich zu den Glücklichen, bei denen es hilft - und zwar lebensbedeutend.
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Alt 15-02-2016, 13:13
Koryphäe
*wunschlos glücklich*
 
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Ort: Büdchen+MTT+Doku/Reality
Zitat:
Zitat von zai-feh Beitrag anzeigen


Meine Haltung dazu - als Betroffene (erst als Erwachsene offiziell diagnostiziert) und als betroffene Mutter: Solange weder Eltern noch Kinder einen Leidensdruck haben - also zufrieden sind, bedarf es keiner Diagnose oder gar Medikation nur weil vielleicht die Lehrer, Nachbarn oder Schwiegereltern rumnörgeln.
Handlungsbedarf besteht dann, sobald ein Leidensdruck da ist.
Und zwar meine ich damit einen dauerhaften Leidensdruck. Nicht den, der einfach zum Leben dazugehört.
Und selbst dann ist noch zu prüfen, ob der Leidensdruck wirklich durch die "Störung" ausgelöst wird oder durch das Umfeld. Dann sollte man besser das Umfeld wechseln.
Und alles daran setzen, dass man ein Umfeld schafft, in dem alle zufrieden sind.

Das ist mir leider nicht gelungen für meine Kinder. Ich habe - gerade als überforderte alleinerziehende Mutter - versucht meine Kinder in das Umfeld zu pressen. Das Ergebnis war verheerend.
Ich kann mich heute glücklich schätzen, dass wir alle noch leben und so langsam den richtigen Weg finden.


Wenn aber die äußerlichen Faktioren (wie verständnislose Lehrer, blöde Schule, dumme Nachbarn) nicht für das Leiden verantwortlich sind, sondern wirklich aus dem Inneren des Kindes oder auch Erwachsenen kommen, dann können Diagnose, Therapie und Medikation eine Hilfe bis lebensrettend sein.
Danke für diese offenen Worte!

Ich hab auch direkt gemerkt, wie die Wirksamkeit einsetzte, nehme sie aber nicht mehr, wegen Wechselwirkungen.

Zitat:
Zitat von Eljot Beitrag anzeigen
Ich muss zugeben, dass mein erster Post zustande kam, nachdem ich diese besagte Knoppers Werbung gesehen habe, wo dieser Junge quasi wie auf Speed wirkte, bis er in ein Loch fällt und sich durch Knoppers wieder Energie holt.
Darauf kam der Gedanke(darum die Wortwahl, ich denke....), dass ADHS bestimmt durch zu viel Zucker/Junk Food kommt.
Trotzdem DENKE ich, dass diese UNMENGEN an Zucker bei Kindern einen Einfluss auf ihr Verhalten/Schlaf und viels mehr hat. Dass das nicht ADHS ist, verstehe ich jetzt, aber ob es nicht öfters als ADHS diagnostiziert wird, ist die Frage...

Ich will aber dann nicht länger in diesem Thema spekulieren und würde dann eher zum Thema Ernährung/Gesundheit bei Gelegenheit einen Thread aufmachen.
Nun, Zucker macht Kinder auch hibbelig, du liegst also gar nicht so falsch.
Koryphäe ist offline   Mit Zitat antworten
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Alt 15-02-2016, 13:22
L with
...lebt...
 
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Zitat:
Zitat von SilverER Beitrag anzeigen
Eine Cochrane Metastudie aus dem November 2015, in der 185 Studien verglichen wurden, kommt zu dem Ergebnis einer sehr geringen Wirksamkeit von Methylphenidat. 72 dieser 185 Studien wurden zudem durch die Pharmaindustrie finanziert.
Ich habe den Quote von Dir jetzt mal rausgekürzt, auch, wenn er essenziell ist.

Da psychologische/neurowissenschaftliche Forschung und die damit verbundene Methodik mehr oder minder mein Feld ist (es ist eing roßes Feld...), möchte ich folgendes dazu anmerken.
Ich will jetzt hier nicht einen falschen Eindruck erzeugen und ohne Kenntnis der genauen Methodik die Autoren der Metastudie angreifen, aber es gibt zumindest immer bedeutsame Einschränkungen bei der Interpretation zu berücksichtigen.
Zunächst gilt bei Metastudien immer, dass sie grundsätzlich ein heutzutage unverzichtbares Instrument darstellen, aber ihre eigenen Tücken haben. Allen voran fassen sie unterschiedlichste Versuchsanordnungen zusammen.
Hier in dieser scheinen, so interpretiere ich mal den Quote, zudem mehrheitlich Fremdbeurteilungsinstrumente berücksichtigt worden sein. Auch wird sehr vorschnell der Fehlschluss gezogen, eine Skala (ein Fragebogen z.B.) bilde so etwas wie die Wirklichkeit ab. Es ist aber nur eine systematische Annäherung, deren Schwierigkeiten häufig nicht die Zuverlässigkeit (Reliabilität), sondern vor allem die Gültigkeit (Validität) betreffen. Hier liegt vor allem die Schwierigkeit darin, dass A) unklar ist, welchen bedeutsamen Aspekt ein solches Instrument abbildet, z.B. also die Außensicht eine andere ist als das Erleben der Betroffenen und B) nicht immer Vorstellungen dahingehend bestehen, wann eine Effektgröße bedeutsam ist. Wann ist sie hier tatsächlich in der Wirklichkeit bedeutsam?
Das wird in vielen Forschungsfeldern in praktisch allen empirischen Wissenschaften gern übergangen bzw. nicht so gewürdigt, wie es sein sollte. Man behilft sich dann häufig mit standardisierten Effektstärkemaßen, die eine Aussage über Veränderungen im Maßstab sogenannter Standardabweichungen machen.
Die Idee dahinter zu skizzieren würde hier zu weit führen. Sicherlich aber stellt insgesamt auch eine solche Metastudie nur einen perspektivischen Blickwinkel her.

Am Anfang des Threads bestand zudem die Meinung, dass, wenn ADHS eine neurobiologische Fundierung habe, dies doch mehr oder weniger leicht nachzuweisen sein müsse.

In der Tat ist das eine der größten Herausforderungen der Neurowissenschaften. Wir können, wie schon richtig bemerkt wurde, nicht Köpfe aufschneiden und schauen, ob "das wirklich so ist".
Wo man das tatsächlich macht ist in der Grundlagenforschung im "Tiermodell". Da führt man teilweise wirklich Substanzen direkt in das Gehirn ein und misst mit Elektroden, die sich ebenfalls im Gehirm befinden (Einzelzellableitung). Wie so was geschieht, kann anhand dieses Beispiels gut nachvollzogen werden:

Lodge. D. J. & Grace, A. A. (2007). Aberrant Hippocampal Activity Underlies the Dopamine
Dysregulation in an Animal Model of Schizophrenia.The Journal of Neuroscience, 27(42), 11424 –11430. doi:10.1523/JNEUROSCI.2847-07.2007

Es bedarf also des Wissens um grundsätzliche funktionale Zusammenhänge des Gehirns, hier also zum Beispiel über das dopaminerge System. Wenn das in irgendeiner Form mit Störungsbildern stehen könnte und auch ein Medikament, das beispielsweise als Antagonist eines Membranproteins fungiert, eine Symptomveränderung herbeiführt, ist das ein erster Baustein, einen solchen Nachweis zu führen. Es gäbe hierbei aber noch eine Vielzahl anderer Interpretationen. So z.B., dass bei Betroffenen psychischer Störungen der Besatz mit gewissen Membranproteinen im synaptischen Spalt ein anderer ist. Zudem könnte die Störung einen größeren funktionalen Zusammenhang betreffen als dass nur an einer Region im Gehirn "etwas nicht stimm". Zudem werden bei einer Vielzahl von Störungen gleiche oder ähnliche Regionen als Ort des Geschehens berücksichtigt, aber sie zeigen eventuell nur eine ähnliche, aber immer noch abgrenzbare Symptomatik. Auch das muss man dann auf lange Sicht erklären können.
Im Einzelfall wird man hier nur schwer weiter kommen. Zudem schauen wir immer nur durch das Schlüsselloch auf eine Problematik. In solch komplexen Forschungsfeldern ist "konvergierende Evidenz", also das Zusammenführen unterschiedlichster Perspektiven und Herangehensweisen und damit ein langfristig grunstäzlich metaanalytisch orientiertes Forschungsverständnis, ausschlaggebend.
So fließen dann über Jahrzehnte unter anderem klinische Erfahrungen, neurowissenschaftliche Grundlagenforschung, Genom- und Proteomforschung, die parallele Entwicklung statistischer Methodik, die erst durch rechenstarke Computer praktisch anwendbar geworden ist (wie z.B. bayesianische Verfahren oder Strukturgleichungsmodelle) aber auch die Entwicklung des Störungsverständnisses im außerklinischen Kontext nach und nach zusammen.
Letzteres scheint bei Störungen wie AD(H)S von besonderer Relevanz zu sein, denn eine Störung wird in vielen Fällen erst durch eine Wechselwirkung mit der Umwelt zu einer solchen. Sie bereitet uns im Rahmen unserer kultureller Gegebenheiten ein Problem: Es ist eben ein Problem, zu spät zu kommen, es ist auch ein Problem, sich nicht konzentrieren zu können und es ist auch ein Problem, keine Ausdauer zu zeigen. Man kann hier zwar auf die böse westliche Zivilisation schimpfen, sollte sich aber dahingehend keine Illusion machen, dass unser Wohlstand und unsere Erwartungshaltungen an diese Fähigkeiten gekoppelt sind. Wer wollte sich schon von einem Anästhesisten betäuben lassen, der sich regelmäßig bei der Dosierung vertut. Wer will einen Busfahrer, der im Verkehr ablenkbar ist? Oder einem Handwerker, der den Termin vergessen hat? Oder, oder.
Es ist also logisch, dass solche Störungsbilder auffälliger werden, je komplexer unsere Welt wird. Und in diesem Rahmen erlebt auch ein Betroffener selber die meisten seiner Einschränkungen. Es gilt in der klinischen Psychologie daher die schöne und griffige Heuriistik "Disorder begins where impairment begins".
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Alt 15-02-2016, 13:35
Kosel
xxx
 
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Zitat von Perrier Beitrag anzeigen
Ein Derivat, aber ok.
"Er hat Schaufel statt Spaten gesagt!!!" "In den See mit Ihm!!"

Aber ok.
Kosel ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 15-02-2016, 13:58
SilverER
Gutmensch
 
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Registriert seit: 12-2007
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Zitat:
Zitat von L with Beitrag anzeigen
Ich habe den Quote von Dir jetzt mal rausgekürzt, auch, wenn er essenziell ist.

Da psychologische/neurowissenschaftliche Forschung und die damit verbundene Methodik mehr oder minder mein Feld ist (es ist eing roßes Feld...), möchte ich folgendes dazu anmerken.
Ich will jetzt hier nicht einen falschen Eindruck erzeugen und ohne Kenntnis der genauen Methodik die Autoren der Metastudie angreifen, aber es gibt zumindest immer bedeutsame Einschränkungen bei der Interpretation zu berücksichtigen.
Zunächst gilt bei Metastudien immer, dass sie grundsätzlich ein heutzutage unverzichtbares Instrument darstellen, aber ihre eigenen Tücken haben. Allen voran fassen sie unterschiedlichste Versuchsanordnungen zusammen.

Hier in dieser scheinen, so interpretiere ich mal den Quote, zudem mehrheitlich Fremdbeurteilungsinstrumente berücksichtigt worden sein. Auch wird sehr vorschnell der Fehlschluss gezogen, eine Skala (ein Fragebogen z.B.) bilde so etwas wie die Wirklichkeit ab. Es ist aber nur eine systematische Annäherung, deren Schwierigkeiten häufig nicht die Zuverlässigkeit (Reliabilität), sondern vor allem die Gültigkeit (Validität) betreffen. Hier liegt vor allem die Schwierigkeit darin, dass A) unklar ist, welchen bedeutsamen Aspekt ein solches Instrument abbildet, z.B. also die Außensicht eine andere ist als das Erleben der Betroffenen und B) nicht immer Vorstellungen dahingehend bestehen, wann eine Effektgröße bedeutsam ist. Wann ist sie hier tatsächlich in der Wirklichkeit bedeutsam?
Das wird in vielen Forschungsfeldern in praktisch allen empirischen Wissenschaften gern übergangen bzw. nicht so gewürdigt, wie es sein sollte. Man behilft sich dann häufig mit standardisierten Effektstärkemaßen, die eine Aussage über Veränderungen im Maßstab sogenannter Standardabweichungen machen.
Die Idee dahinter zu skizzieren würde hier zu weit führen. Sicherlich aber stellt insgesamt auch eine solche Metastudie nur einen perspektivischen Blickwinkel her.
Ich bin kein Experte auf diesem Gebiet, aber das sehe ich in Bezug auf das Design von Metastudien ähnlich.

Allerdings sehe ich deine kritischen Anmerkungen unter Vorbehalt. Ich habe die Studie selbst nicht gelesen und mein Quote bezieht sich nur auf den Artikel der SZ, daher kann ich einen Fehlschluß so nicht sehen (es sei denn in der Interpretation seitens der SZ). Jeder Autor einer Studie weiß sicherlich (oder sollte es wissen) um die "Designprobleme" einer Studie wie deinen Hinweis zur Skalenthematik, die interessante Frage ist dann, wie in einer Studie damit umgegangen wird. Ich habe aus den beiden oberflächlichen Artikeln herausgelesen, dass die zugrunde liegenden Studien für sich schon vom Design her "nicht gut" waren und dies in der Metastudie entsprechend berücksichtigt wurde. Die Metastudie sagt daher aus meiner Sicht zunächst aus, dass nur eine eher geringe Wirksamkeit von Methylphenidat auf Basis der zugrunde liegenden (schlecht designten) Studien abgeleitet werden kann...

Zitat:
Zitat von L with Beitrag anzeigen
Am Anfang des Threads bestand zudem die Meinung, dass, wenn ADHS eine neurobiologische Fundierung habe, dies doch mehr oder weniger leicht nachzuweisen sein müsse.

In der Tat ist das eine der größten Herausforderungen der Neurowissenschaften. Wir können, wie schon richtig bemerkt wurde, nicht Köpfe aufschneiden und schauen, ob "das wirklich so ist".
Wo man das tatsächlich macht ist in der Grundlagenforschung im "Tiermodell". Da führt man teilweise wirklich Substanzen direkt in das Gehirn ein und misst mit Elektroden, die sich ebenfalls im Gehirm befinden (Einzelzellableitung). Wie so was geschieht, kann anhand dieses Beispiels gut nachvollzogen werden:

Lodge. D. J. & Grace, A. A. (2007). Aberrant Hippocampal Activity Underlies the Dopamine
Dysregulation in an Animal Model of Schizophrenia.The Journal of Neuroscience, 27(42), 11424 –11430. doi:10.1523/JNEUROSCI.2847-07.2007

Es bedarf also des Wissens um grundsätzliche funktionale Zusammenhänge des Gehirns, hier also zum Beispiel über das dopaminerge System. Wenn das in irgendeiner Form mit Störungsbildern stehen könnte und auch ein Medikament, das beispielsweise als Antagonist eines Membranproteins fungiert, eine Symptomveränderung herbeiführt, ist das ein erster Baustein, einen solchen Nachweis zu führen. Es gäbe hierbei aber noch eine Vielzahl anderer Interpretationen. So z.B., dass bei Betroffenen psychischer Störungen der Besatz mit gewissen Membranproteinen im synaptischen Spalt ein anderer ist. Zudem könnte die Störung einen größeren funktionalen Zusammenhang betreffen als dass nur an einer Region im Gehirn "etwas nicht stimm". Zudem werden bei einer Vielzahl von Störungen gleiche oder ähnliche Regionen als Ort des Geschehens berücksichtigt, aber sie zeigen eventuell nur eine ähnliche, aber immer noch abgrenzbare Symptomatik. Auch das muss man dann auf lange Sicht erklären können.
Im Einzelfall wird man hier nur schwer weiter kommen. Zudem schauen wir immer nur durch das Schlüsselloch auf eine Problematik. In solch komplexen Forschungsfeldern ist "konvergierende Evidenz", also das Zusammenführen unterschiedlichster Perspektiven und Herangehensweisen und damit ein langfristig grunstäzlich metaanalytisch orientiertes Forschungsverständnis, ausschlaggebend.
So fließen dann über Jahrzehnte unter anderem klinische Erfahrungen, neurowissenschaftliche Grundlagenforschung, Genom- und Proteomforschung, die parallele Entwicklung statistischer Methodik, die erst durch rechenstarke Computer praktisch anwendbar geworden ist (wie z.B. bayesianische Verfahren oder Strukturgleichungsmodelle) aber auch die Entwicklung des Störungsverständnisses im außerklinischen Kontext nach und nach zusammen.
Trotzdem ist natürlich die Darstellung möglicher neurobiologischer Vorgänge interessant...
SilverER ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 15-02-2016, 14:00
Tante Charlie
Member
 
Registriert seit: 11-2015
Zitat:
Zitat von GrauePantherin Beitrag anzeigen
Zitat meines damals 5-jährigen Sohnes, tränenüberströmt: "Ich will so gerne lieb sein, aber es passiert mit mir!"
Interessant. Exakt diesen Satz habe ich von meiner schwierigen Nichte auch oft gehört. ADS wurde bei ihr nie diagnostiziert, die Eltern sind aber mit ihr auch nicht zum Arzt gegangen.

Zur Ernährungsdiskussion:
Ich kenne exakt ein Kind mit ADS-Diagnose und dieses Kind bekam schon Cola bevor es laufen konnte. Ob ein Zusammenhang besteht, kann ich nicht sagen.
Tante Charlie ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 15-02-2016, 14:15
Eljot
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Registriert seit: 04-2012
Ort: Queens
Zitat:
Zitat von Tante Charlie Beitrag anzeigen
Zur Ernährungsdiskussion:
Ich kenne exakt ein Kind mit ADS-Diagnose und dieses Kind bekam schon Cola bevor es laufen konnte. Ob ein Zusammenhang besteht, kann ich nicht sagen.
Egal ob da ein Bezug ist, finde ich es schon erstaunlich was Kinder alles bekommen. Bei Cola finde ich schon alleine den Zuckerinhalt bedenklicher als der Koffein. Bei Hunden sagt man, auf keinen Fall Schokolade geben, aber bei Kleinkindern/Kindern scheint es ok zu sein es mit Zucker und Junkfood zu mästen.
Sorry für OT.
Eljot ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 15-02-2016, 14:48
krümelmonster
Unfähige Willküre
 
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Registriert seit: 03-2004
Ort: Austria Anterior
Um mal beim OT zu bleiben, aber die Schokolade/Hund-Geschichte liegt gerade nicht am Zucker sondern am Koffein-Analogon in der Schokolade
krümelmonster ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 15-02-2016, 15:53
Eljot
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Benutzerbild von Eljot
 
Registriert seit: 04-2012
Ort: Queens
Das weiss ich, aber es ist schon erstaunlich, dass man beim Hund bzw jedem Haustier gesagt bekommt, was artgerechte Ernährung ist und was No-Gos sind,
aber bei den eigenen Kindern ist das Motto: Hauptsache ist schmeckt, selbst es krank macht.
Eljot ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 15-02-2016, 16:04
GrauePantherin
mehr grau als Pantherin..
 
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Ort: FFM-Hibbdebach
Ich behaupte jetzt auch einfach mal, dass ein kleines Kind, das zuhause Cola und Süßigkeiten in größeren Mengen bekommt, auch ansonsten nicht "artgerecht gehalten" () wird.
Solchen Eltern unterstelle ich, dass das Kind wenig sehr persönliche Zuwendung bekommt, sondern viel vorm Fernseher und der Konsole sitzt. Davon wird das ruhigste Kind irgendwann hibbelig. Aber es hört sich halt viel besser an, wenn das Kind "krank" ist und Medikamente bekommen muss.

Den Eindruck habe ich damals in der Selbsthilfegruppe leider bei einigen Leuten gewonnen.
GrauePantherin ist offline   Mit Zitat antworten
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