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Justine
02-10-2003, 18:02
Nennt mich sentimental, altmodisch, verkitscht: ich mag Gedichte!
Von Walther von der Vogelweide (das ist der mit "Unter der Linden, tandaradei, wo unser zweier Bette war...")
bis Robert Gernhardt, dem, nach RR, größten Lyriker unserer Tage.
(Beispiel:Ich sprach

Ich sprach nachts: Es werde Licht!
Aber heller wurd' es nicht.

Ich sprach: Wasser werde Wein!
Doch das Wasser ließ das sein.

Ich sprach: Lahmer, Du kannst gehen!
Doch er blieb auf Krücken stehen.

Da ward auch dem Dümmsten klar,
daß ich nicht der Heiland war.)
--------------------------------------------------------------------------------

Und heute kann man eigentlich nur eines posten, weil es so schön passt:


Oktoberlied


Der Nebel steigt, es fällt das Laub;
Schenk ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag
Vergolden, ja vergolden!

Und geht es draußen noch so toll,
Unchristlich oder christlich,
Ist doch die Welt, die schöne Welt,
So gänzlich unverwüstlich!

Und wimmert auch einmal das Herz -
Stoß an und laß es klingen!
Wir wissen's doch, ein rechtes Herz
Ist gar nicht umzubringen.

Der Nebel steigt, es fällt das Laub;
Schenk ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag
Vergolden, ja vergolden!

Wohl ist es Herbst; doch warte nur,
Doch warte nur ein Weilchen!
Der Frühling kommt, der Himmel lacht,
Es steht die Welt in Veilchen.

Die blauen Tage brechen an,
Und ehe sie verfließen,
Wir wollen sie, mein wackrer Freund,
Genießen, ja genießen!


Theodor Storm
(1817-1888)
------------------------------------------------------

:wink:

Nemoflow
02-10-2003, 19:12
Ich bin der Lyrik ebenso verfallen wie du... ;)

Besonders mag ich Heinrich Leuthold,Else Lasker-Schüler,
Christian Morgenstern,Arthur Rimbaud,Nika Turbina,Johannes R. Becher und
naturellement Hermann Hesse.....

Friedrich Hebbel


Sommerbild

Ich sah des Sommers letzte Rose stehn,
Sie war, als ob sie bluten könne, rot;
Da sprach ich schauernd im Vorübergehn:
So weit im Leben, ist zu nah am Tod!

Es regte sich kein Hauch am heißen Tag,
Nur leise strich ein weißer Schmetterling;
Doch, ob auch kaum die Luft sein Flügelschlag
Bewegte, sie empfand es und verging.



Else Lasker-Schüler


Mein Liebeslied


Auf deinen Wangen liegen
Goldene Tauben.

Aber dein Herz ist ein Wirbelwind,
Dein Blut rauscht, wie mein Blut -

Süß
An Himbeersträuchern vorbei.

O, ich denke an dich - -
Die Nacht frage nur.

Niemand kann so schön
Mit deinen Händen spielen,

Schlösser bauen, wie ich
Aus Goldfinger;

Burgen mit hohen Türmen!
Strandräuber sind wir dann.

Wenn du da bist,
Bin ich immer reich.

Du nimmst mich so zu dir,
Ich sehe dein Herz sternen.

Schillernde Eidechsen
Sind deine Geweide.

Du bist ganz aus Gold -
Alle Lippen halten den Atem an.





:heul: :smoke: :wink:

Justine
02-10-2003, 20:39
Jaaa, super!
Nun kommt hoffentlich keiner mit dem totgerittenen Rilke-Herbstgedicht "Der Sommer war sehr groß..."
:fürcht:
Eigentlich müsstest du über die Else ein paar Worte verlieren, denn sonst sind manche ihrer Gedichte recht unverständlich. Mach doch mal, Nemoflow! :)

Nemoflow
02-10-2003, 21:58
[QUOTE]Original geschrieben von Justine

Eigentlich müsstest du über die Else ein paar Worte verlieren, denn sonst sind manche ihrer Gedichte recht unverständlich. Mach doch mal, Nemoflow! :) [/QUOTE]

Also,erlich gesagt weiß ich jetzt nicht genau was du da im speziellen meinst.
Das könnte so viel sein,da sie ja eine extreme Frau,mit einigen Macken war...

Hier einfach mal eine Kurzbiographie:


1869
11. Februar: Elisabeth Schüler wird als Tochter des jüdischen Privatbankiers Aaron Schüler und dessen Frau Jeanette (geb. Kissing) in Elberfeld (heute: Stadtteil von Wuppertal) geboren.

1894
Nach ihrer Heirat mit dem Arzt Berthold Lasker zieht sie nach Berlin, wo sie sich ihrer zeichnerischen Ausbildung widmet.

1899
Durch die Freundschaft mit dem Schriftsteller Peter Hille (1854-1904) findet sie Anschluß an die literarische Szene und veröffentlicht erste Gedichte in der Zeitschrift "Die Gesellschaft".
Geburt ihres Sohns Paul, dessen Vater unbekannt bleibt.

1902
Ihr erster Gedichtband "Styx" ist noch vom Impressionismus und Jugendstil geprägt. In den 62 Gedichten feiert sie euphorisch die Freude am Leben, setzt sich aber auch mit dem Thema des Verlorenseins auseinander.

1903
Nach der Scheidung von Lasker gerät sie in materielle Bedrängnis.
Sie schließt Freundschaft mit Schriftstellern wie Gottfried Benn und Richard Dehmel.
Heirat mit dem Schriftsteller Herwarth Walden (1878-1941), dem späteren Herausgeber der expressionistischen Zeitschrift "Der Sturm".

1906
Nach dem Tod ihres engsten Freundes Hille reflektiert sie ihren gemeinsamen Weg in ihrem ersten Prosawerk "Das Peter-Hille-Buch". Mit diesem Buch beginnt Lasker-Schüler ihre Selbstmythisierung, die fortan ihr Leben und Werk bestimmt.

1907
In der Prosasammlung "Die Nächte der Tino von Bagdad" versammelt sie orientalische Geschichten.

1909
Das Schauspiel "Die Wupper" wird publiziert, aber erst 1919 im Deutschen Theater in Berlin uraufgeführt.

1911
In dem Gedichtband "Meine Wunder" wird die Liebe zum zentralen Thema von Lasker-Schüler. Sie wird zur führenden Repräsentantin des Expressionismus.

1912
Nach der Scheidung von Walden erscheint der Briefroman "Mein Herz", in dem sie die zeitgenössische Berliner Bohème schildert.
Völlig mittellos, ist sie fortan auf Zuwendungen durch Freunde angewiesen. Insbesondere der Wiener Publizist Karl Kraus unterstützt Lasker-Schüler.

1913
Mit der Gedichtsammlung "Hebräische Balladen" versucht sie die Neuerschaffung eines hebräischen Mythos. Außerdem setzt sie sich in ihrer Lyrik zunehmend mit ihrer Herkunft und Familie auseinander. Sie stilisiert sich und ihre Familie mit erfundenen Legenden.

1914
Da sie sich schon seit mehreren Jahren selbst als "Prinz von Theben" bezeichnete, hat ihr neuester Gedichtband diesen Titel.
Ihr unkonventioneller Lebensstil - so spaziert sie z.B. als Prinz verkleidet durch Berlins Straßen - wird kritisiert und parodiert.

1917
Die "Gesammelten Gedichte" enthalten einen Zyklus über den von ihr verehrten Benn.

1919
In der Kaisergeschichte "Der Malik" verarbeitet Lasker-Schüler den Verlust enger Freunde, wie den von Franz Marc, durch den Ersten Weltkrieg.

1925
In ihrer Schrift "Ich räume auf! Meine Anklage gegen meine Verleger" kritisiert sie den zeitgenössischen Literaturbetrieb.

1927
Vom Tod ihres Sohns tief getroffen, zieht sich Lasker-Schüler zunehmend aus dem öffentlichen Leben zurück.

1932
Lasker-Schüler erhält den Kleist-Preis für ihr Gesamtwerk.
Veröffentlichung der Prosaskizze "Arthur Aronymus" sowie des Schauspiels "Arthur Aronymus und seine Väter".

1933
Nach tätlichen Angriffen auf offener Straße emigriert sie in die Schweiz, wo sie vom Jüdischen Kulturbund Unterstützung erfährt. Sie reist in den folgenden Jahren dreimal nach Palästina.

1936
Uraufführung von "Arthur Aronymus und seine Väter" in der Schweiz.

1937
In dem Prosaband "Das Hebräerland" verklärt sie das Erlebnis Palästina zum Traum vom Heiligen Land.

1939
Der Beginn des Zweiten Weltkriegs verhindert während der dritten Palästina-Reise die Rückkehr in die Schweiz.

1940/41
Sie schreibt die Tragödie "IchundIch" (erst 1979 uraufgeführt), in der sie sich zum ersten Mal in ihrem Werk auf das politische Geschehen der Zeit bezieht.

1943
Ihr letzter Gedichtband "Mein blaues Klavier" erscheint in Jerusalem.

1945
22. Januar: Else Lasker-Schüler stirbt in Jerusalem.


:wink:

Justine
02-10-2003, 22:35
Ja, danke, hatte an solche "Rollen" wie der Prinz von Theben usw. gedacht, ist ja wirklich alles ungewöhnlich. Aber nur solche Menschen schaffen eben Kunst, oder?

Nemoflow
02-10-2003, 22:45
Wie heißt es so schön:

"Es schreibt keiner wie ein Gott, der nicht gelitten hat wie ein Hund"

Ich kenne keinen Künstler,egal welcher Sparte auf den das nicht zuträfe...

...mir fällt auch keiner ein der "normal" gewesen wäre,denn man muß ein gewisses Maß an Chaos in sich tragen um andere zu "erleuchten"... :)

Blauschimmel
02-10-2003, 22:59
[QUOTE]Original geschrieben von Justine
Ja, danke, hatte an solche "Rollen" wie der Prinz von Theben usw. gedacht, ist ja wirklich alles ungewöhnlich. Aber nur solche Menschen schaffen eben Kunst, oder? [/QUOTE]

"Ich kann ihre Gedichte nicht leiden, ich fühle bei ihnen nichts als Langeweile über ihre Leere und Widerwillen wegen des künstlichen Aufwandes. Auch ihre Prosa ist mir lästig aus den gleichen Gründen, es arbeitet darin das wahllos zuckende Gehirn einer sich überspannenden Großstädterin... Ja, es geht ihr schlecht, ihr zweiter Mann hat sie verlassen, soviel ich weiß, auch bei uns sammelt man für sie; ich habe 5 K. hergeben müssen, ohne das geringste Mitgefühl für sie zu haben; ich weiß den eigentlichen Grund nicht, aber ich stelle mir sie immer nur als eine Säuferin vor, die sich in der Nacht durch die Kaffeehäuser schleppt."

Franz Kafka über Else Lasker-Schüler :rotfl:

Justine
03-10-2003, 09:36
Bah, sowatt Fieses hat mein liebes Franzerl gesagt?
:nicht glauben kann:
;)

Justine
03-10-2003, 11:17
Wenn wir uns hier schon unser (teilweise gegoogeltes) Wissen um die Ohren hauen, dann möchte ich auch etwas zu Kafka posten, obwohl der in den Gedichte-Thread eigentlich nicht passt.
War ja auch ein problembeladenes Kerlchen:

FRANZ KAFKA (1883 - 1924)

Ältester Sohn einer assimilierten, wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie
in Prag; zwei vor den Schwestern geborene Brüder sterben im Kindesalter,
Besuch des deutschen Gymnasiums; 1901-1906 Jurastudium, Beamter in der
Arbeiter-Unfallversicherungsanstalt, gilt unter Kollegen als liebenswürdig
und zurückhaltend. Schon in jungen Jahren Anzeichen einer dann jahrelang
verschleppten Lungentuberkulose, an deren Spätfolgen er mit 41 Jahren in
einem Sanatorium bei Wien stirbt.

Zentrale Probleme seines Lebens:

- politische und ethnische Spannungen im deutsch-tschechisch-jüdischen Prag.

- belastetes Verhältnis zum distanziert-autoritären Vater, der seine
"Schriftstellerei" nie akzeptieren konnte, Gefangenschaft in der Familie.

- Erlebnis von Anonymität, Isolation und Entfremdung durch moderne
Institutionen wie Schule, Bürokratie, Staat.

- Schwieriges Verhältnis zu Frauen: Widerspruch zwischen Bedürfnis nach Nähe
und Angst vor zu starker Bindung.


"Ich heiße hebräisch Amschel, wie der Großvater meiner Mutter von der
Mutterseite, der als ein sehr frommer und gelehrter Mann mit langem weißem
Bart meiner Mutter erinnerlich ist, die sechs Jahre alt war, als er starb.
Sie erinnert sich, wie sie die Zehen der Leiche festhalten und dabei
Verzeihung möglicher dem Großvater gegenüber begangener Verfehlungen
erbitten mußte. Sie erinnert sich auch an die vielen, die Wände füllenden
Bücher des Großvaters. Er badete jeden Tag im Fluß, auch im Winter, dann
hackte er sich zum Baden ein Loch ins Eis. Die Mutter meiner Mutter starb
frühzeitig an Typhus. ... Ein noch gelehrterer Mann als der Großvater war
der Urgroßvater der Mutter, bei Christen und Juden stand er in gleichem
Ansehen, bei einer Feuersbrunst geschah infolge seiner Frömmigkeit das
Wunder, daß das Feuer sein Haus übersprang und verschonte, während die
Häuser in der Runde verbrannten. Er hatte vier Söhne, einer trat zum
Christentum über und wurde Arzt. Alle außer dem Großvater der Mutter starben
bald. Dieser hatte einen Sohn, die Mutter kannte ihn als verrrückten Onkel
Nathan, und eine Tochter, eben die Mutter meiner Mutter."
(aus seinem Tagebuch)
-------------
Lest mal seine Geschichten: Auf der Galerie, Die Verwandlung, usw. Klasse!

Nemoflow
03-10-2003, 14:05
Habe vor kurzem mal wieder "Die Verwandlung" gelesen...
...und da ist mir auch eingefallen das es auch mal einen gleichnamigen Film gab.
Hab' ihn vor einer Ewigkeit(Kindheit) mal im ZDF gesehen und mich wirklich geekelt.
Kennt den vielleicht jemand,oder kann mir was dazu sagen?

Justine
03-10-2003, 16:39
Nein, das als Film stelle ich mir auch ungern vor (- riesiger Käfer im Bett ...).
Manche Texte leben halt vom Wort und von der Phantasie, man kann und sollte nicht alles viusalisieren.
:weise Worte wägt:
:)

Nemoflow
03-10-2003, 17:50
...obwohl einige Bücher doch sehr gut umgesetzt wurden.Ich denke da an:

- Zimmer mit Aussicht :anbet:
- Betty und ihre Schwestern
- Der Name der Rose
- Sinn und Sinnlichkeit
- Romeo und Julia
- Wiedersehen in Howards End
- Was ihr wollt
- Ein Sommernachtstraum
- Tod eines Handlungsreisenden
- Der Zementgarten

oder

- Grüne Tomaten um nur einige zu nennen.... :) :wink:

Justine
03-10-2003, 18:38
Ja, "Sense & Sensibility" fand ich auch sehr schön, rein optisch schon.
Kennst Du Fassbinders Verfilmung von Fontanes "Effi Briest"? Ganze Passagen nur vorgelesen. Wirkte aber gar nicht wie ein Notbehelf.

Gut fand ich auch Oprah Winfreys Verfilmung von "Menschenkind". Derart Exotisch-Grausames kann man sich als Leser ja kaum vorstellen, da vertieft der Film das Lese-Erlebnis.

"Romeo & Julia", um noch einen der o.a. Filme zu nennen, fand ich blöd. Teeanager von heute, halbnackt - Du beziehst Dich doch auf die moderne Fassung, gell? - das traf m.E. die Vorlage nicht.
Aber wir sind OT ... :) Vielleicht Extra-Thread: Verfilmte Literatur?

Nemoflow
03-10-2003, 18:49
na gut,also dann....wie würde es Heinz Ehrhardt ausdrücken:

http://sam01.de/cover/small/126/394/0pv0by3u.j31






Heinrich Leuthold

Blätterfall

Leise, windverwehte Lieder,
Mögt ihr fallen in den Sand!
Blätter seid ihr eines Baumes,
Welcher nie in Blüte stand.

Welke, windverwehte Blätter,
Boten unsrer Winterruh',
Fallet sacht! ... ihr deckt die Gräber
Mancher toten Hoffnung zu.

:(

Justine
03-10-2003, 19:07
Warum zitierst du nicht ein Gedicht vom Meister persönlich? Oder ist der Leuthold ein Pseudo von ihm? Ich finde immer wieder schön:

Und wieder ist es Herbst hinieden,
es weht von Norden, statt von Süden,
die Blätter an den Bäumen ruhn;
und auch die Vögel haben nichts zu tun.
Rallafidi, rallafididi.

(Der Anfang ging so:

Und wieder ist es Lenz geworden,
es wehr von Süden, statt von Norden.
Die Knospen an den Bäumen springen,
und auch die Vögel fangen an zu singen.
Fidirallala, fidirallala.)

dark
03-10-2003, 19:19
Das berührt mich am meisten

Rainer Maria Rilke
Der Panther

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden,daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille sich lautlos auf -.
Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.

Nemoflow
03-10-2003, 19:52
[QUOTE]Original geschrieben von Justine
...Oder ist der Leuthold ein Pseudo von ihm?...[/quote]

...:eek:...,Boah,bist du gemein.:hammer:

Heinrich Leuthold ist nicht Heinz Erhardt!!!!!!!!!!:zeter:

...sonder mein absoluter Lieblings Lyriker:anbet:

Leuthold, Heinrich, 1827-1879
ehemaliger Student Wackernagels und Burckhardts in Basel; Freund Kellers; Schweizer Lyriker und Epiker, der zum Dichterkreis "Krokodil" Beziehungen hatte.Er schrieb eine leidenschaftliche und schwermütige Lyrik. Seit 1877 war er geisteskrank.



Der Waldsee

Wie bist du schön, du tiefer blauer See!
Es zagt der laue West, dich anzuhauchen,
und nur der Wasserlilie reiner Schnee
wagt schüchtern aus der stillen Flut zu tauchen.

Hier wirft kein Fischer seine Angelschnur,
kein Nachen wird auf deinem Spiegel gleiten;
wie Chorgesang der feiernden Natur
rauscht nur der Wald durch diese Einsamkeiten.

Waldrosen streu'n dir ihren Weihrauch aus
und würz'ge Tannen, die dich rings umragen,
und die wie Säulen eines Tempelbaus
das wolkenlose Blau des Himmels tragen.

Einst kannt' ich eine Seele, ernst, voll Ruh',
die sich der Welt verschloß mit sieben Siegeln;
die, rein und tief, geschaffen schien wie du,
nur um den Himmel in sich abzuspiegeln.

Justine
05-10-2003, 00:37
Nur zwei Dinge
Gottfried Benn

Durch so viele Formen geschritten,
durch Ich und Wir und Du,
doch alles blieb erlitten
durch die ewige Frage: wozu?

Das ist eine Kinderfrage.
Dir wurde erst spät bewußt,
es gibt nur eines: ertrage
- ob Sinn, ob Sucht, ob Sage -
dein fernbestimmtes: Du mußt.

Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere,
was alles erblühte, verblich,
es gibt nur zwei Dinge: die Leere
und das gezeichnete Ich.

Justine
05-10-2003, 00:39
@ Nemoflow: sorry, absolutes Missverständnis und zu schnelles Lesen
(wirst schon merken, wie oft ich editiere wg. meiner Schlampigkeit).

Hab ein schönes Wochenende und träum Dich an den See! :)

Nemoflow
05-10-2003, 00:46
Du auch...:knuddel:

ps.: G.Benn find ich auch Klasse! http://www.mainzelahr.de/smile/medien/jaja.gif

Justine
05-10-2003, 12:56
Ich will ja hier nicht seine "Kleine Aster" oder "Gang durch die Krebsbaracke" posten an einem so schönen Sonntagmorgen, aber die sind schon - vor allem für die damalige Zeit - genia und herzzerreißend.

Justine
05-10-2003, 13:01
Nemo:
Vielleicht magst Du - analog zu Deinem einsamen See - auch meine einsame Heide.
Immer, wenn ich hier den trubeligen Pott verlasse und durch Norddeutschland an die See fahre, kommt das Gedicht mir - stückweise, ich kann nur einiges auswendig :) - in den Sinn. Es ist völlig "neben" unserer lauten Popkultur, ich weiß, vielleicht auch unerträglich sentimental, aber es beruhigt.

Abseits

Es ist so still; die Heide liegt
Im warmen Mittagssonnenstrahle,
Ein rosenroter Schimmer fliegt
Um ihre alten Gräbermale;
Die Kräuter blühn; der Heideduft
Steigt in die blaue Sommerluft.
Laufkäfer hasten durchs Gesträuch
In ihren goldnen Panzerröckchen,
Die Bienen hängen Zweig um Zweig
Sich an der Edelheide Glöckchen,
Die Vögel schwirren aus dem Kraut -
Die Luft ist voller Lerchenlaut.

Ein halbverfallen niedrig Haus
Steht einsam hier und sonnbeschienen;
Der Kätner lehnt zur Tür hinaus,
Behaglich blinzelnd nach den Bienen;
Sein Junge auf dem Stein davor
Schnitzt Pfeifen sich aus Kälberrohr.

Kaum zittert durch die Mittagsruh
Ein Schlag der Dorfuhr, der entfernten;
Dem Alten fällt die Wimper zu,
Er träumt von seinen Honigernten.
- Kein Klang der aufgeregten Zeit
Drang noch in diese Einsamkeit.

Theodor Storm

Lysator
05-10-2003, 13:52
Mein absolutes Lieblingsgedicht:


Im Nebel (Hermann Hesse)

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein;
Kein Baum sieht den anderen,
Jeder ist allein.

Voll von Freuden war mir die Welt,
Als noch mein Leben Licht war,
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkle kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allen ihn trennt.

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsam sein.
Kein Mensch kennt den anderen,
Jeder ist allein.



:(

Justine
05-10-2003, 14:01
:tröst:

(Aber Hesse hatte eigentlich gar kein so einsames Leben: 3 Frauen, 3 Kinder, und nun liegt er schön begraben am Lago Maggiore.)

Nemoflow
08-10-2003, 02:34
Wer Gedichte mag,hier unbedingt mal reinschauen!!

klick mich:

http://www.s-i-n.de/gedichte.com/images/Schriftzug_mit_Feder.gif (http://www.s-i-n.de/gedichte.com/index.php)





Heinrich Leuthold

Die Wurzel des Übels

Mein Kind, das ist der Grund des Übels:
Ich kann bei dir nicht stündlich sein;
Sonst kämst du nicht auf den Gedanken,
Daß Küssen könnte sündlich sein.

Das Gegenteil will ich beweisen;
Doch soll die Wirkung gründlich sein,
So muß vor allem das Verfahren
Sowohl geheim als mündlich sein.


:)

Haiku
08-10-2003, 08:44
[QUOTE]Original geschrieben von Justine
Jaaa, super!
Nun kommt hoffentlich keiner mit dem totgerittenen Rilke-Herbstgedicht "Der Sommer war sehr groß..."
:fürcht:
[/QUOTE]

Nein, keine Sorge. Aber dafür mit einem anderen Rilke-Herbstgedicht:


Es ist ganz stille. Aufrecht steht der Duft
vergangner Farben in den welken Wegen.
Die Himmel halten einen langen Regen.
Die Blätter gehn auf Stufen durch die Luft.


Ich finde, das ist eine geniale Momentaufnahme!

@ Lysator

Vielen Dank für das Nebelgedicht! Das kannte ich noch nicht, es ist wunderschön.

Eins meiner persönlichen Lieblingsgedichte:

Was wahr ist (Ingeborg Bachmann)

Was wahr ist, streut nicht Sand in deine Augen.
Was wahr ist, bitten Schlaf und Tod dir ab
als eingefleischt, von jedem Schmerz beraten,
was wahr ist, rückt den Stein von deinem Grab.

Was wahr ist, so entsunken, so verwaschen
in Keim und Blatt, im faulen Zungenbett
ein Jahr und noch ein Jahr und alle Jahre -
war wahr ist, schafft nicht Zeit, es macht sie wett.

Was wahr ist, zieht der Erde einen Scheitel,
kämmt Traum und Kranz und die Bestellung aus,
es schwillt sein Kamm und voll gerauften Früchten
schlägt es in dich und trinkt dich gänzlich aus.

Was wahr ist, unterbleibt nicht bis zu Raubzug,
bei dem es dir vielleicht ums Ganze geht.
Du bist sein Raub beim Aufbruch deiner Wunden;
nichts überfällt dich, was dich nicht verrät.

Es kommt der Mond mit den vergällten Krügen.
So trink dein Maß. Es sinkt die bittre Nacht.
Der Abschaum flockt den Tauben ins Gefieder,
wird nicht ein Zweig in Sicherheit gebracht.

Du haftest in der Welt, beschwert von Ketten,
doch treibt, was wahr ist, Sprünge in die Wand.
Du wachst und siehst im Dunkeln nach dem Rechten,
dem unbekannten Ausgang zugewandt.
----

Ziemlich heavy, aber mir hat das Gedicht trotz seiner Schwere schon oft Mut gemacht, wenn es um schwere Entscheidungen bzw. das Eingestehen von Lebenslügen ging. Obwohl die Bachmann am Ende als "unbekannten Ausgang" ja leider den Selbstmord gewählt hat. Dennoch hat dieses Gedicht auf mich einen positiven Effekt. Hart, bitter, ehrlich - aber wie ich finde, eigentlich lebensZUgewandt.


Oft verliebe ich mich übrigens nur in bestimmte Zeilen aus Gedichten, wie z.B. die hier aus einem anderen Bachmann-Gedicht:

Wir traten ein in verwunschene Räume
und leuchteten das Dunkel aus
mit den Fingerspitzen.

Das hat was von Lasker-Schüler - so märchenhaft.

Abgesehen davon liebe ich auch Erich Kästner und Ringelnatz mit ihren wunderbar alltagstauglichen, unprätenziösen Gedichten.

Und japanische Haikus - daher mein Username. Leider nur in Übersetzung ;)

Nemoflow
08-10-2003, 18:05
[QUOTE]Original geschrieben von Haiku


Wir traten ein in verwunschene Räume
und leuchteten das Dunkel aus
mit den Fingerspitzen.

Das hat was von Lasker-Schüler - so märchenhaft.[/quote]

Du hast recht,das hat wirklich was von der Else. :o



[quote]...Und japanische Haikus - daher mein Username. Leider nur in Übersetzung ;) [/QUOTE]

Ich mag Haikus auch sehr! :d:
Meine 3 Lieblinsgedichte sind welche.:)

1.) Mitternacht. Keine Wellen,
kein Wind, das leere Boot ist vom Mondlicht überflutet. Dogen

2.) Die Welt von Tau,ist eine Welt von Tau und doch und doch....
Kobayashi Issa

3.) Kleine Motten taumeln schauernd quer aus dem Buchs; sie sterben heute Abend und
werden nie wissen, daß es nicht Frühling war. Rilke

(dieses Gedicht von Rilke,ist für mich auch eine Art 'Haiku')


Haiku-Anfänge und -Entwicklungen in Japan (http://kulturserver-nds.de/home/haiku-dhg/ewige%20essay/Thiem_Haiku%20Anfaenge.htm)

:wink:

Justine
08-10-2003, 18:49
@ Haiku:
Ingeborg Bachmann ist verbrannt, weil sie nachts im Bett geraucht hat. Selbstmord???

Haiku
08-10-2003, 20:17
@Justine

Echt? Das wusste ich gar nicht!!!

Gott, bin ich blöd - ich hab das Gedicht ("Was wahr ist") noch während der Schulzeit mal einer Freundin gezeigt, weil ich es so gut finde; ihr lapidarer Kommentar: "Ja toll, so positiv kann das nicht gemeint sein, die Alte hat Selbstmord begangen".

Das ist Jahre her und ich hab das nie überprüft. http://www.mainzelahr.de/smile/boese/9654.gif

Justine
08-10-2003, 21:56
http://www.ndh.net/home/berg/foto/f_ib10-1.jpg

<<1973
17. Oktober: Ingeborg Bachmann stirbt in Rom an den Folgen schwerer Brandverletzungen.
Die letzte Erzählung der Schriftstellerin "Gier" bleibt Fragment.><

War auch kein Kind von Traurigkeit. Männerschwarm! :)

Haiku
08-10-2003, 22:07
[QUOTE]Original geschrieben von Nemoflow





Ich mag Haikus auch sehr! :d:
Meine 3 Lieblinsgedichte sind welche.:)

1.) Mitternacht. Keine Wellen,
kein Wind, das leere Boot ist vom Mondlicht überflutet. Dogen

2.) Die Welt von Tau,ist eine Welt von Tau und doch und doch....
Kobayashi Issa

3.) Kleine Motten taumeln schauernd quer aus dem Buchs; sie sterben heute Abend und
werden nie wissen, daß es nicht Frühling war. Rilke

(dieses Gedicht von Rilke,ist für mich auch eine Art 'Haiku')


Haiku-Anfänge und -Entwicklungen in Japan (http://kulturserver-nds.de/home/haiku-dhg/ewige%20essay/Thiem_Haiku%20Anfaenge.htm)

:wink: [/QUOTE]

Rilke hatte so einige Haiku-Momente! Siehe auch das kurze Herbstgedicht, das ich oben gepostet habe. :)

Mein Lieblings-Haiku:

The man pulling radishes
pointed the way
with a radish.
(Issa)


@ Justine

Schönes Bild! Auf dem Gedichtband, den ich habe, ist nur so ein verhärmtes drauf. Das hat bei mir sicher zusätzlich die Selbstmord-These gestärkt... ;) Ich würde ja nun gern sagen "Super, dass sie keinen Selbstmord begangen hat!", aber irgendwie ist der Tod immernoch tragisch... auch wenn's ein Unfall war. :heul:

Athi
08-10-2003, 22:12
Ich mag die alten Baladen. Z.B. diese:

Die Füße im Feuer
(Conrad Ferdinand Meyer)

Wild zuckt der Blitz. In fahlem Lichte steht ein Turm.
Der Donner rollt. Ein Reiter kämpft mit seinem Roß,
Springt ab und pocht ans Tor und lärmt. Sein Mantel saust
Im Wind. Er hält den scheuen Fuchs am Zügel fest.
Ein schmales Gitterfenster schimmert goldenhell
Und knarrend öffnet jetzt das Tor ein Edelmann ...

- "Ich bin ein Knecht des Königs, als Kurier geschickt
Nach Nîmes. Herbergt mich! Ihr kennt des Königs Rock!"
- Es stürmt. Mein Gast bist du. Dein Kleid, was kümmert's mich?
Tritt ein und wärme dich! Ich sorge für dein Tier!"
Der Reiter tritt in einen dunklen Ahnensaal,
Von eines weiten Herdes Feuer schwach erhellt,
Und je nach seines Flackerns launenhaftem Licht
Droht hier ein Hugenott im Harnisch, dort ein Weib,
Ein stolzes Edelweib aus braunem Ahnenbild ...
Der Reiter wirft sich in den Sessel vor dem Herd
Und starrt in den lebend'gen Brand. Er brütet, gafft ...
Leis sträubt sich ihm das Haar. Er kennt den Herd, den Saal ...
Die Flamme zischt. Zwei Füße zucken in der Glut.

Den Abendtisch bestellt die greise Schaffnerin
Mit Linnen blendend weiß. Das Edelmägdlein hilft.
Ein Knabe trug den Krug mit Wein. Der Kinder Blick
Hangt schreckensstarr am Gast und hangt am Herd entsetzt ...
Die Flamme zischt. Zwei Füße zucken in der Glut.
- "Verdammt! Dasselbe Wappen! Dieser selbe Saal!
Drei Jahre sind's ... Auf einer Hugenottenjagd ...
Ein fein, halsstarrig Weib ... 'Wo steckt der Junker? Sprich!'
Sie schweigt. 'Bekenn!' Sie schweigt. 'Gib ihn heraus!' Sie schweigt.
Ich werde wild. D e r Stolz! Ich zerre das Geschöpf ...
Die nackten Füße pack ich ihr und strecke sie
Tief mitten in die Glut ... 'Gib ihn heraus!' ... Sie schweigt ...
Sie windet sich ... Sahst du das Wappen nicht am Tor?
Wer hieß dich hier zu Gaste gehen, dummer Narr?
Hat er nur einen Tropfen Bluts, erwürgt er dich." -
Eintritt der Edelmann. "Du träumst! Zu Tische, Gast ..."

Da sitzen sie. Die drei in ihrer schwarzen Tracht
Und er. Doch keins der Kinder spricht das Tischgebet.
Ihn starren sie mit aufgerißnen Augen an -
Den Becher füllt und übergießt er, stürzt den Trunk,
Springt auf: "Herr, gebet jetzt mir meine Lagerstatt!
Müd bin ich wie ein Hund!" Ein Diener leuchtet ihm,
Doch auf der Schwelle wirft er einen Blick zurück
Und sieht den Knaben flüstern in des Vaters Ohr ...
Dem Diener folgt er taumelnd in das Turmgemach.
Fest riegelt er die Tür. Er prüft Pistol und Schwert.
Gell pfeift der Sturm. Die Diele bebt. Die Decke stöhnt.
Die Treppe kracht ... Dröhnt hier ein Tritt? Schleicht dort ein Schritt? ...

Ihn täuscht das Ohr. Vorüberwandelt Mitternacht.
Auf seinen Lidern lastet Blei, und schlummernd sinkt
Er auf das Lager. Draußen plätschert Regenflut.
Er träumt. "Gesteh!" Sie schweigt. "Gib ihn heraus!" Sie schweigt.
Er zerrt das Weib. Zwei Füße zucken in der Glut.
Aufsprüht und zischt ein Feuermeer, das ihn verschlingt ...
- "Erwach! Du solltest längst von hinnen sein! Es tagt!"
Durch die Tapetentür in das Gemach gelangt,
Vor seinem Lager steht des Schlosses Herr - ergraut,
Dem gestern dunkelbraun sich noch gekraust das Haar.

Sie reiten durch den Wald. Kein Lüftchen regt sich heut.
Zersplittert liegen Ästetrümmer quer im Pfad.
Die frühsten Vöglein zwitschern, halb im Traume noch.
Friedsel'ge Wolken schimmern durch die klare Luft,
Als kehrten Engel heim von einer nächt'gen Wacht.
Die dunklen Schollen atmen kräft'gen Erdgeruch.
Die Ebne öffnet sich. Im Felde geht ein Pflug.
Der Reiter lauert aus den Augenwinkeln: "Herr,
Ihr seid ein kluger Mann und voll Besonnenheit
Und wißt, daß ich dem größten König eigen bin.
Lebt wohl! Auf Nimmerwiedersehn!" Der andre spricht:
"Du sagst's! Dem größten König eigen! Heute ward
Sein Dienst mir schwer ... Gemordet hast Du teuflisch mir
Mein Weib! Und lebst ... Mein ist die Rache, redet Gott."

Haiku
08-10-2003, 22:17
@ Athi

Ich glaube, da brauch ich noch mindestens ein Jahrzehnt, bis ich mich soweit von der Schule erholt habe, dass ich Balladen wieder mag.

"... und noch fünf Minuten bis Buffalo!" http://www.mainzelahr.de/smile/genervt/smilie_tischkante.gif

Justine
08-10-2003, 23:46
Wenn du Kinder hast, lernst du sie wieder als Einschlafhilfe schätzen! :)

timber
09-10-2003, 09:46
[QUOTE]Original geschrieben von Justine
Wenn du Kinder hast, lernst du sie wieder als Einschlafhilfe schätzen! :) [/QUOTE]

@ Justine
ich wollte dir eine pn schicken
aber dein postfach ist komplett voll.

Salonlöwe
09-10-2003, 10:06
Ich hab hier mal ein schönes von Georg Trakl:

Trompeten

Unter zerschnittenen Weiden, wo braune Kinder spielen
Und Blätter treiben, tönen Trompeten. Ein Kirchhofsschauer.
Fahnen von Scharlach stürzen durch des Ahorns Trauer,
Reiter entlang an Roggenfeldern, leeren Mühlen.

Oder Hirte singen nachts und Hirsche treten
in den Kreis ihrer Feuer, des Hains uralte Trauer,
Tanzende heben sich vor einer schwarzen Mauer;
Fahnen von Scharlach, Lachen, Wahnsinn, Trompeten.




Soll ich jetzt Rilkes "Herbsttag" noch schnell posten, oder wer macht das?;)

Athi
09-10-2003, 14:15
[QUOTE]Original geschrieben von Haiku
@ Athi

Ich glaube, da brauch ich noch mindestens ein Jahrzehnt, bis ich mich soweit von der Schule erholt habe, dass ich Balladen wieder mag.

"... und noch fünf Minuten bis Buffalo!" http://www.mainzelahr.de/smile/genervt/smilie_tischkante.gif [/QUOTE]

Da ich schon mehr als 2 Jahrzehnte aus der Schule raus bin, kann ich mich wieder daran erfreuen. Ich muss sie ja nicht mehr auswendig lernen.

svephi
09-10-2003, 16:05
Mein absoluter Lieblingsdicher: Pablo Neruda

Seine Liebesgedichte sind so toll, aber doch ohne Schmalz.Die Königin

Die Königin

Ich habe dich zur Königin ernannt.
Größere gibt es, größer als du.
Reinere gibt es, reiner als du.
Schönere gibt es, schöner als du.

Doch du bist die Königin

Wenn du durch die Straßen gehst,
erkennt dich keiner.
Niemand sieht deine Krone aus Kristall, niemand schaut
den Teppich aus rotem Gold,
den jeder Schritt von dir betritt,
den Teppich, der garnicht da ist.

Und wenn du erscheinst,
rauschen alle Flüsse
in meinem Körper auf, rütteln
die Glocken am Himmel,
und ein Hymnus erfüllt die Welt.

Nur du und ich,
nur du und ich, meine Liebe,
hören ihn tönen

Salonlöwe
09-10-2003, 16:33
Schönes Gedicht, Svephi!
Ich ahb Neruda ja schon oft ans Herz gelegt bekommen, vielleicht sollte ich mir jetzt endlich mal die Zeit nehmen...

Hab noch ein schönes von Anna Achmatowa:

Mit dem Morgengrauen erwachen,
Atemlos gewürgt vom Glück,
Zum Kajütenfenster drehn
Auf die grüne wandernde Welle,
Und an Deck bei trübem Wetter,
Tief im Flaumpelz eingehüllt
Die Motoren klopfen hören,
An nichts und niemend denken,
Und doch
bis zum Wiedersehn,
Mit dem, der mein Stern nun ist,
Im salzigen Regen und im Wind
Jede Stunde jünger werden.

Haiku
09-10-2003, 17:32
[QUOTE]Original geschrieben von Salonlöwe
Schönes Gedicht, Svephi!
Ich ahb Neruda ja schon oft ans Herz gelegt bekommen, vielleicht sollte ich mir jetzt endlich mal die Zeit nehmen...

Hab noch ein schönes von Anna Achmatowa:

Mit dem Morgengrauen erwachen,
Atemlos gewürgt vom Glück,
Zum Kajütenfenster drehn
Auf die grüne wandernde Welle,
Und an Deck bei trübem Wetter,
Tief im Flaumpelz eingehüllt
Die Motoren klopfen hören,
An nichts und niemend denken,
Und doch
bis zum Wiedersehn,
Mit dem, der mein Stern nun ist,
Im salzigen Regen und im Wind
Jede Stunde jünger werden. [/QUOTE]

Hm. Jedem Schüler, der bei Dichtversuchen etwas von "atemlos gewürgt vom Glück" schreibt, würde das als Stilblüte angestrichen werden und das Gelächter im Lehrerzimmer würde wahrscheinlich durch die gesamte Schule hallen.... :beiss:

Nichts gegen die Achmatowa, aber irgendwie isses nich fair... ;)

Salonlöwe
09-10-2003, 18:34
Hmmja, ist nicht so gelungen, man muss aber immer daran denken, dass sie aus dem Russischen übersetzt werden musste...
Klingt im original bestimmt schöner.

(Ottago, schto padosd duschit...)
Mist, wenn man keine kyrillische Tastatur hat...;)

Haiku
09-10-2003, 18:43
[QUOTE]Original geschrieben von Salonlöwe

(Ottago, schto padosd duschit...)
Mist, wenn man keine kyrillische Tastatur hat...;) [/QUOTE]

Kann man umstellen, guck: пизда хуи... :D

Viel peinlicher ist es, wenn man nach 4 Jahren Ehe mit einem Russen immernoch nicht viel mehr russisch kann als dreckige Schimpfwörter :schäm:

Salonlöwe
11-10-2003, 10:40
Und ich habe mir oft gewünscht, ein paar dreckige Schimpfwörter zu kennen, aber außer
"Chui" ist dann doch nichts hängen geblieben...:) Und ich meine fast, das das Wort in deinem Posting vorkommt...
Hab auch gleich noch ein Gedicht

Die Zahlen

Die Zahlen, im Bund
mit der Bilder Verhängnis
und Gegen-
verhängnis.

Der darübergestülpte
Schädel, an dessen
schlafloser Schläfe ein irr-
lichternder Hammer
all das im Welttakt
besingt.

herrlehmann
11-10-2003, 20:40
[QUOTE]Original geschrieben von Nemoflow
...obwohl einige Bücher doch sehr gut umgesetzt wurden.Ich denke da an:

- Zimmer mit Aussicht :anbet:
- Betty und ihre Schwestern
- Der Name der Rose
- Sinn und Sinnlichkeit
- Romeo und Julia
- Wiedersehen in Howards End
- Was ihr wollt
- Ein Sommernachtstraum
- Tod eines Handlungsreisenden
- Der Zementgarten

oder

- Grüne Tomaten um nur einige zu nennen.... :) :wink: [/QUOTE]

hinzuzufügen sind: Don't look now, East of Eden, Der Tod ist mein Beruf ....

aber zu den Gedichten: ich mag keine Gedichte, ich mag auch keine dicken Bücher und keine Biographien - und deswegen habe ich in jeder Gattung auch so meine Lieblinge, wie z.B.

Paul Celan - Todesfuge

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen
Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus Deutschland

dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith

----------------------------------------------

oder auch:

Carl Sandburg - Chicago


HOG Butcher for the World,
Tool Maker, Stacker of Wheat,
Player with Railroads and the Nation’s Freight Handler;
Stormy, husky, brawling,
City of the Big Shoulders:

They tell me you are wicked and I believe them, for I have seen your painted women under the gas lamps luring the farm boys.
And they tell me you are crooked and I answer: Yes, it is true I have seen the gunman kill and go free to kill again.
And they tell me you are brutal and my reply is: On the faces of women and children I have seen the marks of wanton hunger.
And having answered so I turn once more to those who sneer at this my city, and I give them back the sneer and say to them:
Come and show me another city with lifted head singing so proud to be alive and coarse and strong and cunning.
Flinging magnetic curses amid the toil of piling job on job, here is a tall bold slugger set vivid against the little soft cities;
Fierce as a dog with tongue lapping for action, cunning as a savage pitted against the wilderness,
Bareheaded,
Shoveling,
Wrecking,
Planning,
Building, breaking, rebuilding,
Under the smoke, dust all over his mouth, laughing with white teeth,
Under the terrible burden of destiny laughing as a young man laughs,
Laughing even as an ignorant fighter laughs who has never lost a battle,
Bragging and laughing that under his wrist is the pulse. and under his ribs the heart of the people,
Laughing!
Laughing the stormy, husky, brawling laughter of Youth, half-naked, sweating, proud to be Hog Butcher, Tool Maker, Stacker of Wheat, Player with Railroads and Freight Handler to the Nation.

----------------------------------------------

oder:

Jacques Prevert - Pour toi mon amour


Je suis allé au marché aux oiseaux
Et j'ai acheté des oiseaux
Pour toi
Mon amour
Je suis allé au marché aux fleurs
Et j'ai acheté des fleurs
Pour toi
Mon amour
Je suis allé au marché à la ferraille
Et j'ai acheté des chaînes
De lourdes chaînes
Pour toi
Mon amour
Et je suis allé au marché aux esclaves
Et je t'ai cherchée
Mais je ne t'ai pas trouvée
Mon amour

----------------------------------------------

oder:

Erich Fried - Links Rechts Links Rechts

Wenn ein Linker denkt
dass ein Linker
bloß weil er links ist
besser ist als ein Rechter
dann ist er so selbstgerecht
dass er schon wieder rechts ist
Wenn ein Rechter denkt
dass ein Rechter
bloß weil er rechts ist
besser ist als ein Linker
dann ist er so selbstgerecht
dass er schon rechtsradikal ist


Und weil ich
gegen die Rechten
und Rechtsradikalen bin
bin ich gegen
Linke
die denken
dass sie besser sind
als die Rechten
Und weil ich gegen sie bin
denke ich manchmal
ich habe ein Recht zu denken
dass ich doch besser als sie bin

----------------------------------------------

oder oder oder .... :kopfkratz

Nemoflow
05-11-2003, 12:16
Was ist das heute nur für ein herrliches Wetterchen dort draussen.... http://www.mainzelahr.de/smile/muede/schweb.gif

Johann Heinrich Voss,(1751-1826)

"Der Herbsttag"


Die Bäume stehn der Frucht entladen,
Und gelbes Laub verweht ins Tal;
Das Stoppelfeld in Schimmerfaden
Erglänzt am niedern Mittagsstrahl.
Es kreist der Vögel Schwarm, und ziehet;
Das Vieh verlangt zum Stall, und fliehet
Die magern Aun, vom Reife fahl.

O geh am sanften Scheidetage
Des Jahrs zu guter letzt hinaus;
Und nenn ihn Sommertag und trage
Den letzten schwer gefundnen Strauß.
Bald steigt Gewölk, und schwarz dahinter
Der Sturm, und sein Genoß, der Winter,
Und hüllt in Flocken Feld und Haus.

Ein weiser Mann, ihr Lieben, haschet
die Freuden im Vorüberfliehn,
Empfängt, was kommt unüberraschet,
Und pflückt die Blumen, weil sie blühn.
Und sind die Blumen auch verschwunden;
So steht am Winterherd umwunden
Sein Festpokal mit Immergrün.

Noch trocken führt durch Tal und Hügel
Der längst vertraute Sommerpfad.
Nur rötlich hängt am Wasserspiegel
Der Baum, den grün ihr neulich saht.
Doch grünt der Kamp vom Winterkorne;
Doch grünt beim Rot der Hagedorne
Und Spillbeern, unsre Lagerstatt!

So still an warmer Sonne liegend,
Sehn wir das bunte Feld hinan,
Und dort, auf schwarzer Brache pflügend,
Mit Lustgepfeif, den Ackermann:
Die Kräh'n in frischer Furche schwärmen
Dem Pfluge nach, und schrein und lärmen;
Und dampfend zieht das Gaulgespann.

Natur, wie schön in jedem Kleide!
Auch noch im Sterbekleid wie schön!
Sie mischt in Wehmut sanfte Freude,
Und lächelt tränend noch im Gehen.
Du, welkes Laub, das niederschauert,
Du Blümchen, lispelst: Nicht getrauert!
Wir werden schöner auferstehn!

:freu:

Haiku
05-11-2003, 12:36
[QUOTE]

Erich Fried - Links Rechts Links Rechts

Wenn ein Linker denkt
dass ein Linker
bloß weil er links ist
besser ist als ein Rechter
dann ist er so selbstgerecht
dass er schon wieder rechts ist
Wenn ein Rechter denkt
dass ein Rechter
bloß weil er rechts ist
besser ist als ein Linker
dann ist er so selbstgerecht
dass er schon rechtsradikal ist


Und weil ich
gegen die Rechten
und Rechtsradikalen bin
bin ich gegen
Linke
die denken
dass sie besser sind
als die Rechten
Und weil ich gegen sie bin
denke ich manchmal
ich habe ein Recht zu denken
dass ich doch besser als sie bin

----------------------------------------------

[/QUOTE]

Also ich weiß, die Geschmäcker sind verschieden, aber : http://www.mainzelahr.de/smile/geschockt/glubsch.gif

Was hat den Erich denn da geritten? Nichts ist schlimmer, als wenn man durch die Zeilen eines "politischen" Gedichts hindurch noch geradezu den Stolz des Autors erfühlen kann, was er da für eine weise Einsicht erlangt hat.

Der gleiche Inhalt, in der selbstironisch-humorvollen Art eines anderen dichtenden Erich (uns aller Kästner!!), und ein Meisterwerk hätte entstehen können.

Aber das hier ist kein Gedicht, dass ist pseudo-tiefsinniges Gelulle. :hammer:

PS: Bitte versteh das nicht als persönlichen Angriff - wie gesagt, die Geschmäcker sind verschieden. Aber irgendwie ist meine Nerv-Schwelle für Gesülze heute auf einem all time low...

herrlehmann
05-11-2003, 16:09
Haiku, ich lese in diesem Gedicht mehr als nur Selbstironie. Es zeigt mir auch die Selbsterkenntnis einer - um das jetzt pseudo-tiefsinnig zu bemerken - selbstzweiflerischen Haltung, die vielen abhanden gekommen ist.

Natürlich ist es einfacher, seinem 'Gott' zu huldigen - welchem -ismus er auch immer als Götze vorangestellt ist - und jedem Zweifler/Gegner zu bescheinigen, dass er im allermildesten Fall ein Nichtsnutz, wenn nicht sogar ein nichtswürdiges Individuum ist, als sich damit auseinanderzusetzen, wie weit Toleranz gegenüber Andersdenkenden auch mich selbst betrifft.

Die Diskussionen hier und anderso zeigen mir, dass nur wenige die Fähigkeit des (Selbst)Zweifelns kennen, bzw nicht offen zugeben können.

Ich verweigere mich übrigens auch, von dir vereinnamt zu werden, in dem du von [QUOTE]uns aller Kästner!![/QUOTE] schreibst - ich mag Kästner auch, aber mir graust es z.B. von uns aller Fried zu sprechen - dieses nur mal als kleiner Hinweis.

Vielleicht hast du ein Beispiel von 'deinem' Kästner, welches adäquat aufzeigen könnte, was du meinst?

Haiku
05-11-2003, 16:40
Lehmann, wie bereits gesagt, ich finde den INHALT des Gedichtes durchaus interessant bzw. den Gedankengang zutreffend, wenn er auch nicht gerade umwerfend neu oder originell ist.

Und die zurschaugestellte "Selbsterkenntnis" ist ja gerade das, was mich an dem Gedicht nervt, vor allem dieser "doppelte Selbsterkennungs-Rittberger" ganz am Ende. ;)

"Uns aller Kästner" habe ich vor allem deshalb geschrieben, weil er sich in gewisser Weise ja selbst so sah und Gedichte "für den Hausgebrauch" schreiben wollte. Was ich an ihm mag, ist seine Gabe, sich selbst nicht so ernst zu nehmen, auch wenn das Thema selbst sehr ernst ist. Dadurch erreicht er eine wunderbare Menschlichkeit, die meistens frei von jeder Sentimentalität oder Schwere ist (meistens, auch Kästner hat manchmal aus Versehen in die Schmalzkiste gegriffen). Ein schönes Beispiel für humorvolle Selbstironie ist z.B. dieser Gedichtausschnitt aus "Apropos, Einsamkeit":

"Man kann mitunter scheußlich einsam sein!
Da hilft es nichts, den Kragen hochzuschlagen
und vor Geschäften zu sich selbst zu sagen:
Der Hut da drin ist hübsch, nur etwas klein..."

Oder auch:

"Man kriecht ins Bett. Das ist gescheiter,
als dass man klein im Regen steht.
Das geht auf keinen Fall so weiter,
wenn das so weiter geht."


Natürlich kann man Kästner und Fried nicht direkt vergleichen, sind ja vollkommen verschiedene Stilrichtungen. Ich glaube nur, dass Kästner, so er denn in seinem Leben das Thema des Fried-Gedichts in die Hand bekommen hätte, daraus sicher ein typisches Kästner-Gedicht mit kombiniertem "Aha- und Schmunzeleffekt" am Ende gezaubert hätte. Beim Fried-Gedicht dagegen tritt wenn überhaupt, dann eher ein "Klugscheiß-Effekt" ein, Selbstironie am Ende hin oder her. Sorry, ist wie gesagt MEIN Eindruck von dem Gedicht.

herrlehmann
05-11-2003, 17:59
Haiku, so unterschiedlich können Texte wirken - es passt zu den Diskuusionen allerorten. Da ich bis heute kein vergleichbares Gedicht kenne - ob es ein Erich K. nun hätte machen können/wollen/sollen bleibt dahingestellt - halte ich mich lieber an den Fried, an mein Schmunzeln beim ersten Lesen ...... und frage mich, wieviele andere Leser gibt es, die diesen Rittberger auch vollziehen können!

Fazit: ich sehe wenige - und alleine darum geht es mir (und nicht, ob hinter dem Erich ein F. oder ein K. steht).

Ghosty
10-11-2003, 16:50
Dein Gedicht "Abseits" war wunderschön.

Wie findest Du mein Liebingsgedicht von Annette von Droste-Hülshoff?

Der Knabe im Moor

O schaurig ist`s übers Moor zu gehn,
Wenn es wimmelt vom Heiderauche,
Sich wie Phantome die Dünste drehn
Und die Ranke häkelt am Strauche,
Unter jedem Tritte ein Quellchen springt,
Wenn aus der Spalte es zischt und singt,
O schaurig ist`s übers Moor zu gehn,
Wenn das Röhricht knistert im Hauche!

Fest hält die Fibel das zitternde Kind
Und rennt, als ob man es jage;
Hohl über die Fläche sauset der Wind -
Was raschelt drüben am Hage?
Das ist der gespenstische Gräberknecht,
Der dem Meister die besten Torfe verzecht;
Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!
Hinducket das Knäblein zage.

Vom Ufer starret Gestumpf hervor,
Unheimlich nicket die Föhre,
Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,
Durch Riesenhalme wie Speere;
Und wie es rieselt und knittert darin!
Das ist die unselige Spinnerin,
Das ist die gebannte Spinnlenor`,
Die den Haspel dreht im Geröhre!

Voran, voran! Nur immer im Lauf,
Voran, als woll`es ihn holen;
Vor seinem Fuße brodelt es auf,
Es pfeift ihm unter den Sohlen
Wie eine gespenstige Melodei;
Das ist der Geigemann ungetreu,
Das ist der diebische Fiedler Knauf,
Der den Hochzeitheller gestohlen!

Da birst das Moor, ein Seufzer geht
Hervor aus der klaffenden Höhle;
Weh, weh, da ruft die verdammte Margret:
"Ho, ho, meine arme Seele!"
Der Knabe springt wie ein wundes Reh;
Wär`nicht Schutzengel in seiner Näh`,
Seine bleichenden Knöchelchen fände spät
Ein Gräber im Moorgeschwehle.

Da mählich gründet der Boden sich,
Und drüben, neben der Weide,
Die Lampe flimmert so heimatlich,
Der Knabe steht an der Scheide.
Tief atmet er auf, zum Moor zurück
Noch immer wirft er den scheuen Blick:
Ja, im Geröhre war`s fürchterlich,
O schaurig war`s in der Heide!

Mory Abro
23-11-2003, 02:32
Ich hab hier auch was schönes von Kurt Tucholsky.
Wenn ich es zum Muttertag meiner Mutter vortrage fängt Sie fast an zu heulen!

Mutters Hände

Hast uns Stulln jeschnitten und Kaffee
Jekocht un de Töppe rübajeschom –
Und jewischt und jenäht und jemacht
Und jedreht...alles mit deine Hände.

Hast de Milch zujedeckt, uns Bonbons
Jesteckt uns Zeitungen ausjetragen –
Hast de Hemden jezählt un Kartoffeln
Jeschält...alles mit deine Hände.

Hast uns manches Mal bei jrossem
Schkandalauch’n Katzenkopp jejeben,
Hast uns hochjebracht. Wir wahn Sticker acht,
Sechse noch am Leben; alles mit deine Hände.

Heiß war’n se un kalt. Nun sind se alt.
Nu biste bald am Ende. Da stehn wa nu hier,
Und dann komm wa bei dir und streicheln deine Hände.

Kurt Tucholsky

P.S.
Sie findet es wirklich schön!

Justine
25-11-2003, 18:44
@ Ghosty: entschuldige, war lange nicht in diesem Thread ...

Balladen an sich mag ich. Wenn man sie laut spricht, kann man kleine Kinder - und sich selbst - wunderbar beruhigen.

Nur bei diesem Knaben im Moor fällt mir leider unweigerlich ein, was es für ein Gegröhle in Klasse 8 gab, wenn die Stelle kam: "Der Knabe steht an der Scheide".

Ich finde das Turm-Gedicht von der Droste toll, überhaupt die ganze Frau interessant, habe mal an ihrem Grab am Bodensee gestanden, kenne Münster und Umgebung, wo sie ihre freudlose Jugend verbrachte und überhaupt.

Es gibt eine sehr einfühlsame Biographie von Doris Maurer, die einem das Leben der Dichterin und ihre Zeit nahe bringt.
Ich such mal eben nach dem o.a. Gedicht. :)

Justine
25-11-2003, 18:49
Annette von Droste-Hülshoff
(1797- 1848)




Am Turme

Ich steh' auf hohem Balkone am Turm,
Umstrichen vom schreienden Stare,
Und lass' gleich einer Mänade den Sturm
Mir wühlen im flatternden Haare;
O wilder Geselle, o toller Fant,
Ich möchte dich kräftig umschlingen,
Und, Sehne an Sehne, zwei Schritte vom Rand
Auf Tod und Leben dann ringen!

Und drunten seh' ich am Strand, so frisch
Wie spielende Doggen, die Wellen
Sich tummeln rings mit Geklaff und Gezisch,
Und glänzende Flocken schnellen.
O, springen möcht' ich hinein alsbald,
Recht in die tobende Meute,
Und jagen durch den korallenen Wald
Das Walroß, die lustige Beute!

Und drüben seh ich ein Wimpel wehn
So keck wie eine Standarte,
Seh auf und nieder den Kiel sich drehn
Von meiner luftigen Warte;
O, sitzen möcht' ich im kämpfenden Schiff,
Das Steuerruder ergreifen,
Und zischend über das brandende Riff
Wie eine Seemöve streifen.

Wär' ich ein Jäger auf freier Flur,
Ein Stück nur von einem Soldaten,
Wär' ich ein Mann doch mindestens nur,
So würde der Himmel mir raten;
Nun muß ich sitzen so fein und klar,
Gleich einem artigen Kinde,
Und darf nur heimlich lösen mein Haar,
Und lassen es flattern im Winde!
-------------
Nun gut, jetzt könnten Böswillige sagen: typisches Emanzengedicht. Aber, wenn heute der "Tag der Gewalt gegen Frauen" ist, wie whoelse in der Lounge schreibt, und darüber auch gelächelt wird, dann kann ich nur sagen: macht euch mal kundig, wie früher das Leben der Frau aussah, vor allem der ledigen, armen, und wenn sie auch "von Adel" war. Annette hat sehr leiden müssen unter ihren Beschränkungen, man hat sich für ihr Dichten geschämt in der Familie, in der Liebe durfte sie nicht, wie sie wollte, usw. usw. War schon Schiete.

Haiku
25-11-2003, 19:21
[QUOTE]Original geschrieben von Justine
[B

Ich finde das Turm-Gedicht von der Droste toll, überhaupt die ganze Frau interessant, habe mal an ihrem Grab am Bodensee gestanden, kenne Münster und Umgebung, wo sie ihre freudlose Jugend verbrachte und überhaupt.

Es gibt eine sehr einfühlsame Biographie von Doris Maurer, die einem das Leben der Dichterin und ihre Zeit nahe bringt.
Ich such mal eben nach dem o.a. Gedicht. :) [/B][/QUOTE]

Wenn du dich für die Droste interessierst, empfehle ich dir den Roman "Das Spiegelbild" von Irina Korschunow. Darin wird das Leben der (modernen) Hauptfigur immer wieder mit dem Leben der Droste verglichen. Und das Ganze steht unter dem Motto eben des Turm-Gedichts! Wirklich ein schönes, wenn auch sehr trauriges, Buch.

Justine
25-11-2003, 22:16
Danke für den Tipp! :)
Genervt hat mich seinerzeit die Anmaßung der Münsteraner Schriftstellerin Karin Struck (u.a. "Die Mutter") DIE Nachfolgerin der Droste zu sein. Unfug. Ganz anderes Leben, ganz anderes Schreiben. Aber der Roman oben interessiert mich.

Lesley
25-11-2003, 22:50
Mal was englisches:

No Road

by Philip Larkin

Since we agreed to let the road between us
Fall to disuse,
And bricked our gates up, planted trees to screen us,
And turned all time's eroding agents loose,
Silence, and space, and strangers - our neglect
Has not had much effect.

Leaves drift unswept, perhaps; grass creeps unmown;
No other change.
So clear it stands, so little overgrown,
Walking that way tonight would not seem strange,
And still would be allowed. A little longer,
And time will be the stronger,

Drafting a world where no such road will run
From you to me;
To watch that world come up like a cold sun,
Rewarding others, is my liberty.
Not to prevent it is my will's fulfillment.
Willing it, my ailment.

Justine
28-11-2003, 11:57
Hier kriegt man fast täglich ein neues Gedicht geschickt, kostenlos und unverbindlich, just for fun. :)

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lyrikmail Nr. 662 28.11.2003
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Früh am Tage


In der Fensterluken schmalen Ritzen
klemmt der Morgen sich die Fingerspitzen.
Kann von meinem Mädchen mich nicht trennen,
muß mit tausend Schmeichelnamen sie benennen.

Drängt die liebe Kleine nach der Türe,
halt' ich sie durch tausend Liebesschwüre.
Muß ich leider endlich selber treiben,
fällt sie, wortlos, um den Hals mir, möchte bleiben.

Liebster, so, nun laß mich, laß mich gehen.
Doch im Gehen bleibt sie zögernd stehen,
Noch ein letztes Horchen, letzte Winke,
Und dann faßt und drückt sie leise, leis die Klinke.

Barfuß schleicht sie, daß sie keiner spüre,
und ich schließe sachte, sacht die Türe,
öffne leise, leise dann die Luken,
in die frische, schöne Morgenwelt zu gucken.


Detlev von Liliencron
(1844-1909)

der Autor:
geb. am 3. Juni 1844 in Kiel als Sohn eines dänischen Zollbeamten,
Liliencron, eigentlich Friedrich Adolf Axel Freiherr von Liliencron,
besucht nach Abbruch des Gymnasiums die Realschule in Erfurt u. eine
Berliner Kadettenschule, nach Auszeichnungen im Deutschen Krieg (1866)
bzw. im Deutsch-Französischen Krieg (1870/71), muss er später wegen
Glücksspieles die Armee verlassen, danach Aufenthalt in Amerika, wo
er seinen Lebensunterhalt als Sprachlehrer, Klavierspieler u. Maler
bestreitet, von dort zurück tritt er 1882 in den Verwaltungsdienst,
nach 1887 freier Schriftsteller in München u. Berlin, 1883 erscheint
sein erster Gedichtband Adjutantenritte u. andere Gedichte, nachfolgende
Bände verschaffen ihm genügenden Bekanntheitsgrad, er erhält ein
Ehrengehalt von Wilhelm II. u. die Ehrendoktorwürde der Universität
Kiel, er stirbt am 22. Juli 1909 in Alt-Rahlstedt (heute ein
Stadtteil Hamburgs) an einer Lungenentzündung.

Geschenktipp: Meine Gedichte von Marcel Reich-Ranicki
268 Gedichte von 88 Autoren, von den Anfängen bis zur Gegenwart,
von Walther von der Vogelweide bis Goethe, von Heine bis Brecht,
von Erich Kästner bis Ernst Jandl, von Ingeborg Bachmann bis
Sarah Kirsch. 348 Seiten, Insel Verlag Frankfurt
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Matschgal
28-11-2003, 14:34
Klassiker: WAS ES IST - ERICH FRIED

Justine
28-11-2003, 15:34
Posten! :)

herrlehmann
30-11-2003, 20:25
Was es ist

Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe

© Erich Fried

Das ist auch eines meiner Lieblingsgedichte von E. Fried :)

Justine
30-11-2003, 22:14
Ja, das mag iich auch. :)

Nemoflow
01-12-2003, 13:56
Edgar Allen Poe

- THE RAVEN -

Once upon a midnight dreary, while I pondered, weak and weary,
Over many a quaint and curious volume of forgotten lore-
Whle I nodded, nearly napping, sunddenly there came a tapping,
As of some one gently rapping, papping at my chamber door.
"'T is some visiter," I muttered, "tapping at my chamber door-

Only this and nothing more."

Ah, distinctly I remember it was in the bleak December;
And each separate dying ember wrought its ghost upon the floor.
Eagerly I wished the morrow;-vainly I had sought to borrow
From my books surcease of sorrow-sorrow for the lost Lenore-
For the rare and radiant maiden whom the angels name Lenore-

Nameless here for evermore.

And the silken, sad, uncertain rustling of each purple curtain
Thrilled me-filled me with fantastic terrors never felt befor;
So that now, to still the beating of my heart, I stood repeation
"'T is some visiter entreating entrance at my chamber door-
Some late visiter entreating entrance at my chamber door;-

This it is and nothing more."

Presently my soul grew stronger; hesitating then no longer,
"Sir," said I, "or Madam, truly your forgiveness I implore 20
But the fact is I was napping, and so gently you came rapping,
And so faintly you came tapping, tapping at my chamber door,
That I scarce was sure I herd you"-here I opened wide the door;-

Darkness there and nothing more.

Deep into that darkness peering, long I stood there wondering, fearing,
Doubting, dreaming dreams no mortal ever dared to dream before;
But the silence was unbroken, and the stillness gave no token,
And the only word there spoken was the whispered word,
"Lenore!"
This I whispered, and an echo murmered back the word
"Lenore!"

Merely this and nothing more.

Back into the chamber turning, all my soul within me burning,
Soon again I herd a tapping somewhat louder than before.
"Surely," said I, "surely that is something at my window lattice;
Let me see, then what thereat is, and this mystery explore-
Let my heart be still a moment and this mystery explore;-

;T is the wind and nothing more!"

Open here I flung the shutter, when with many a flirt and flutter
In there stepped a stately Raven of the saintly dayds of yore.
Not the least obeisance made he; not a minute stopped or stayed he;
But, with mien of lord or lady, perched above my chamber door-
Perched upon a bust of Pallas just above my chamber door-

Perched, and sat, and nothing more.

Then this ebony bird beguiling my sad fancy into smiling,
By the grave and stern decorum of the countenance it wore,
"though thy crest be shorn and shaven, thou," I said, "art sure no craven,
Ghastly grim and ancient Raven wandering from the Nightly shore-
Tell me what thy lordly name is on the Night's Plutonian shore!"

Quoth the Raven, "Nevermore."

Much I marvelled this ungainly fowl to hear discourse so plainly,
Though it's answer little meaning-little relevancy bore;
For we cannot help agreeing that no living human being
Ever yet was blessed with seeing bird above his chamber door-
Bird or beast upon the sculptured bust above his chamber door,

With such name as "Nevermore."


But the Raven, sitting lonely on the placid bust, spoke only
That one word, as if his soul in that one word hi did outpour.
Nothing farther then he uttered-not a feather then he fluttered-
Till I scarcely more than muttered "Other friends have flown before-
On the morrow he will leave me, as my hopes have flown before."

Then the bird said, "Nevermore."

Startled at the stillness broken by reply so aptly spoken,
"Doubtless," said I, "what it utters is its only stock and store
Caught from some unhappy master whom unmerciful Disaster
Followed fast and followed faster till this songs one burden bore-
Till the dirges of his Hope that melancholy burden bore

Of 'Never-nevermore.'"

But the Raven still beguiling all my fancy into smiling,
Straight I wheeled a cusioned seat in front of bird, and bust and door;
Then, upon the velvet sinking, I betook myself to linking
Fancy unto fancy, thinking what this ominous bird of yore-
What this grim, ungainly, ghastly, gaunt, and ominous bird of yore

Meant in croaking "Nevermore."

This I sat engaged in guessing, but no syllable expressing
To the fowl whose fiery eyes now burned into my bosom's core;
This and more I sat divining, with my head at ease reclining
On the cusion's velvet lining that the lamp-light gloated o'er,
But whose velvet violet lining with the lamp-light gloationg o'er,

She shall press, ah, nevermore!

Then, methought, the air grew denser, perfumed from an unseen censer
Swung by Seraphim whose foot-falls tinkled on the tufted floor.
"Wretch," I cried, "thy God hath lent thee-by these angels he hath sent thee
Respite-respite and nepenthe from they memories of Lenore;
Quaff, oh quaff this kind mepenthe and forget this lost Lenore!"

Quothe the Raven "Nevermore."

"Prophet!" said I, "thing of evil! prophet still, if bird or devil!-
Whether Tempter sent, or whether tempest tossed thee here ashore,
Desolate yet all undaunted, on this desert land enchanted-
On this home by Horror haunted-tell me truly, I implore-
Is there-is there balm in Gilead?-Tell me, I implore!"

Quoth the Raven "Nevermore." 90

"Propet!" said I, "thing of evil!-prophet still, if bird or devil!-
By that Heaven that bends above us-by that God we both adore-
Tell this soul with sorrow laden if , within the distant Aidenn,
It shall clasp a sainted maiden whom the angels name Lenore-
Clasp a rare and radiant maiden whom the angels name Lenore."

Quoth the Raven "Nevermore."

"Be that word our sign of parting, bird or fiend!" I shrieked, upstarting-
"Get thee back into the tempest and the Night's Plutonian shore!
Leave no black plume as a token of that lie thy soul hath spoken!
Leave my loneliness unbroken!-quit the bust above my door!
Take thy beak from out my heart, and take they form from off my door!"

Quoth the Raven "Nevermore."

And the Raven never flitting, still is sitting, still is sitting
On the pallid bust of Pallas just above my chamber door;
And his eyes have all the seeming if a demon's that is dreaming,
And the lamp-light o'er him streaming throws his shadow on the floor;
And my soul from out that shadow that lies floating on the floor

Shall be lifted nevermore!"

1845

Justine
01-12-2003, 20:37
DAS laut gesprochen- himmlisch!

Janis
01-12-2003, 21:45
Ich habe dich so lieb!
Ich würde dir ohne Bedenken
eine Kachel aus meinem Ofen schenken.
Ich habe dir nichts getan.
Nun ist mir traurig zu Mut.
An den Hängen der Eisenbahn
leuchtet der Ginster so gut.
Vorbei--verjährt--
doch nimmer vergessen.
Ich reise.
Alles, was lange währt,
ist leise.
Die Zeit entstellt alle Lebewesen.
Ein Hund bellt.
Er kann nicht lesen.
Er kann nicht schreiben.
Wir können nicht bleiben.
Ich lache.
Die Löcher sind die Hauptsache in einem Sieb.
Ich habe dich so lieb.

(Joachim Ringelnatz)

Rosa
03-12-2003, 00:28
Sachliche Romanze

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wussten nicht weiter.
Da weinte sie schliesslich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagt, es wäre schon Viertel nach vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Café am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend sassen sie immer noch dort.
Sie sassen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.

Mein Lieblingsgedicht von Erich Kästner

Galle
03-12-2003, 02:39
http://hometown.aol.de/Gallixmaximus/spock1.jpg


Nun, auch er hat Gedichte geschrieben, ich meine jetzt Leonard Nimoy.

Das Gedichtbändchen heißt "Will I think of you?", er hat es mit eigenen Fotos illustriert, und es handelt sich um wirklich schöne Liebesgedichte - eigentlich eines Vulkaniers unwürdig. ;)

Ihr müßt immer die Frage "Will I think of you" an den Anfang denken.

OK, jetzt geht's los:

When I know that you
And only you
Could see all this
And hear all this

And be with me
In my sadness
In silent understanding

And shed tears (shed=abwerfen)
for my sorrows

Then

I will think of you


Die Zeilen sind mit Absicht so verrutscht, stehen genauso im Buch. :D


Wollt ihr noch eins? :D

Ok, Ok! ;)


Will I think of you?

No.......


Only when I'm with others.

Surrounded
In a crowded
party room.

Listening to
Several conversations

People communicating
Or trying to.....

Watching the
Blur of figurs and (blur=nebelig, trüb)
Faces go Past
none coming into focus (focus=mittelpunkt)

Exept yours


Again and again
In each corner
In each chair

In every smile

Only you
persistant (persistant=beharrst)
forever
Only then.....

Will I think of you.

Ich habe einige englischen Worte, die mir damals (ich war 16) nicht so geläufig waren, übersetzt. Stehen noch heute mit Bleistift in meinem Büchlein. :)

Hoffentlich hat es euch gefallen! :wink:

Justine
03-12-2003, 06:17
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lyrikmail Nr. 665 03.12.2003
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Der Abend ist mein Buch


Der Abend ist mein Buch. Ihm prangen
die Deckel purpurn in Damast;
ich löse seine goldnen Spangen
mit kühlen Händen, ohne Hast.

Und lese seine erste Seite,
beglückt durch den vertrauten Ton, -
und lese leiser seine zweite,
und seine dritte träum ich schon.


Rainer Maria Rilke
(1875-1926)

Hörtipp:
...in meinem wilden Herzen. Rilke Projekt Vol. 2
Rilkes Gedichte mit Musik unterlegt und ausgedeutet, gesprochen von
Schauspielern und Musikern (mit Hanna Schygulla, Andre Eisermann, Iris
Berben, Christiane Hoerbiger u.v.a.).
http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/B00006JYT2/lyrik-21

Haiku
03-12-2003, 20:09
Noch bist du da


Wirf deine Angst
in die Luft

Bald
ist deine Zeit um
bald
wächst der Himmel
unter dem Gras
fallen deine Träume
ins Nirgends

Noch
duftet die Nelke
singt die Drossel
noch darfst du lieben
Worte verschenken
noch bist du da

Sei was du bist
Gib was du hast

(Rose Ausländer)

Justine
05-12-2003, 10:53
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lyrikmail Nr. 667 05.12.2003
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Kinderlied

Zum 6. Dezember (a. St.)

Weihnacht ist ein schönes Fest,
Schön für Hohe, schön für Niedre!
Keiner, den es traurig läßt,
Wie auch sonst die Welt ihn widre!
Doch beinah' noch größern Spaß
Macht uns jetzt Sankt Nikolas -
Nikolaus, ja, der Biedre!

Niklas ist ein braver Mann,
Herzensgut und mild von Sitten;
Niklas hat ein Renngespann
Und dahinter einen Schlitten.
Hoch im Norden steht sein Haus;
Reiche Gaben teilt er aus,
Wenn die Kinder hübsch ihn bitten.

Spielwerk hat er mancher Art,
Sterne, Bänder, goldne Krippchen!
Streicht ihm freundlich drum den Bart,
Seid drum artig, liebe Bübchen!
Wer ihn recht zu hätscheln weiß,
Eia, kriegt den besten Preis -
Eins von seinen Zuckerpüppchen!

Eia, sind sie doch wie Wachs -
Blond von Haaren, glatt von Wangen!
In den Tiefen seines Sacks
Schmunzelnd hält er sie gefangen,
Putzt sie aus mit Zobelschur,
Und in Juchten, denkt euch nur,
Läßt er ihre Füßchen prangen!

Mit der nächsten Schlittenbahn
Kommt er angerutscht aus Norden;
Offen liegt vor ihm der Plan,
Denn der Pol' ist matt geworden.
Der mit Säbel und mit Spieß
Mürrisch sonst zurück ihn wies,
Kniet jetzt auf der Weichsel Borden.

Und so ist er bald denn da,
Wie auch Elb' und Oder flute!
Kinderchen, seid artig ja,
Denn - auch strafen kann der Gute!
Ja, seid brav, sonst gibt er euch -
Eia, wer erschrickt denn gleich? -
Mein' ich doch ja nur; die - Rute!

Wohl den Kindern weit und breit,
Die den Wackern liebend ehren!
Die zu dieser bösen Zeit
Ganz als Kinder ihm gehören!
Die als Onkel und Papa
Zu dir aufschaun, Nikola -
Ihnen wirst den Sack du leeren!

Drum gebückt euch und geschmiegt,
Recht mit kindlichem Gemüte,
Bis es rings nach Juchten riecht,
Wie im Mai nach Äpfelblüte!
Bis in echtem Zobelhaar
Überall und immerdar
Wir uns freuen seiner Güte!

Weihnacht ist ein schönes Fest,
Schön für Hohe, schön für Niedre!
Keiner, den es traurig läßt,
Wie auch sonst die Welt ihn widre!
Doch den allermeisten Spaß
Macht uns jetzt Sankt Nikolas -
Nikolaus, ja, der Biedre!

St. Goar, Februar 1844.


Ferdinand Freiligrath
(1810-1876)

marsi
07-12-2003, 08:46
Ich mag Hermann Hesse :)

Gestutzte Eiche

Wie haben sie dich, Baum verschnitten
Wie stehst du fremd und sonderbar!
Wie hast du hundertmal gelitten,
Bis nichts in dir als Trotz und Wille war!
Ich bin wie du, mit dem verschnittnen,
Gequälten Leben brach ich nicht
Und tauche täglich aus durchlittnen
Roheiten neu die Stirn ins Licht.
Was in mir weich und zart gewesen,
Hat mir die Welt zu Tod gehöhnt,
Doch unzerstörbar ist mein Wesen,
Ich bin zufrieden, bin versöhnt,
Geduldig neue Blätter treib ich
Aus Ästen hundertmal zerspellt,
Und allem Weh zu Trotze bleib ich
Verliebt in die verrückte Welt.

Hermann Hesse

marsi
07-12-2003, 08:48
Ohne Dich

Mein Kissen schaut mich an zur Nacht
leer wie ein Totenstein;
So bitter hatt ich's nie gedacht,
Allein zu sein
Und nicht in deinem Haar gebettet sein!
Ich lieg allein im stillen Haus,
die Ampel ausgetan,
Und strecke sacht die Hände aus,
die deinen zu umfahn,
Und dränge leis den heißen Mund
Nach Dir und küss mich matt und wund-
und plötzlich bin ich aufgewacht
und ringsum schweigt die kalte Nacht,
der Stern im Fenster schimmert klar-
o du, wo ist dein blondes Haar,
wo ist dein süßer Mund??
Nun trink ich Weh in jeder Lust
Und Gift in jedem Wein;
So bitter hat ich's nie gewußt,
allein zu sein,
allein und ohne dich zu sein!!

Hermann Hesse

marsi
07-12-2003, 08:52
Im Nebel

Seltsam, im Nebel zu wandern !
Einsam ist jeder Busch und Stein
kein Baum sieht den andern
jeder ist allein.
Voll von Freunden war mir die Welt
als noch mein Leben licht war.
Nun, da der Nebel fällt
ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise
der das Dunkel nicht kennt
das unentrinnbar und leise
von allem ihn trennt.

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den anderen
jeder ist allein.

Hermann Hesse

Das ist mein Lieblingsgedicht :)

marsi
07-12-2003, 08:58
[QUOTE]Original geschrieben von dark
Das berührt mich am meisten

Rainer Maria Rilke
Der Panther

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden,daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille sich lautlos auf -.
Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein. [/QUOTE]

:heul: Ich wußte ja gar nicht, das der Rilke so schöne Gedichte hat.

Wir hatten von dem nur mal eines in der Schule durchgesprochen und seitdem hab ich mir nie wieder was von Rilke durchgelesen:rolleyes:

marsi
07-12-2003, 09:00
[QUOTE]Original geschrieben von Lysator
Mein absolutes Lieblingsgedicht:


Im Nebel (Hermann Hesse)

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein;
Kein Baum sieht den anderen,
Jeder ist allein.

Voll von Freuden war mir die Welt,
Als noch mein Leben Licht war,
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkle kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allen ihn trennt.

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsam sein.
Kein Mensch kennt den anderen,
Jeder ist allein.



:( [/QUOTE]

Ups, Lysator, seh ich ja jetzt erst, das du das Gedicht schon gepostet hattest :schäm:

Wir haben den gleichen Geschmack:knuddel:

marsi
07-12-2003, 09:05
[QUOTE]Original geschrieben von svephi
Mein absoluter Lieblingsdicher: Pablo Neruda

Seine Liebesgedichte sind so toll, aber doch ohne Schmalz.Die Königin

Die Königin

Ich habe dich zur Königin ernannt.
Größere gibt es, größer als du.
Reinere gibt es, reiner als du.
Schönere gibt es, schöner als du.

Doch du bist die Königin

Wenn du durch die Straßen gehst,
erkennt dich keiner.
Niemand sieht deine Krone aus Kristall, niemand schaut
den Teppich aus rotem Gold,
den jeder Schritt von dir betritt,
den Teppich, der garnicht da ist.

Und wenn du erscheinst,
rauschen alle Flüsse
in meinem Körper auf, rütteln
die Glocken am Himmel,
und ein Hymnus erfüllt die Welt.

Nur du und ich,
nur du und ich, meine Liebe,
hören ihn tönen [/QUOTE]

Auch sehr schön :ja:

Ich hoff, ich mach's euch mit meinen Postings hier nicht zu unübersichtlich, aber ich hab diesen Thread gerade erst entdeckt und bin mich am durcharbeiten :rolleyes: Und wenn mir was von den Gedichten hier besonders gut gefällt, möcht ich's auch sagen :schnatt:

marsi
07-12-2003, 09:11
So, bin durch :)

Ich hab gedacht, das auch jemand mal eine selbstgeschriebenes Gedicht veröffentlicht. Ich wollt nämlich eigentlich auch welche von mir hier reinsetzen http://www.mainzelahr.de/smile/schuechtern/girl2.gif

Gibts da nen extra Thread für oder muß ich einen eröffnen?

Schreibt ihr eigentlich auch selber Gedichte?

marsi
07-12-2003, 11:15
Kinder

Sind so kleine Hände,
winzige Finger dran.
Darf man nie drauf schlagen,
die zerbrechen dann.

Sind so kleine Füße,
mit so kleinen Zehn.
Darf man nie drauf treten
können sonst nie gehn.

Sind so kleine Ohren,
scharf und Ihr erlaubt.
Darf man nie zerbrüllen
werden davon taub.

Sind so schöne Münder,
sprechen alles aus.
Darf man nie verbieten,
kommt sonst nichts mehr raus.

Sind so klare Augen,
die noch alles sehen.
Darf man nie verbinden,
können sie nichts sehen.

Sind so kleine Seelen,
offen und ganz frei.
Darf man niemals quälen,
gehen kaputt dabei.

Ist so ein kleines Rückgrat,
sieht man fast gar nicht.
Darf man niemals beugen,
weil es sonst zerbricht.

Gerade, klare Menschen,
wären ein schönes Ziel.
Leute ohne Rückgrat
haben wir schon zuviel.


Das ist von Bettina Wegner und ist eigentlich ein Lied.

Justine
07-12-2003, 20:27
Post doch was eigenes, marsi, und mache dafür einen Thread auf! :)

marsi
07-12-2003, 20:42
[QUOTE]Original geschrieben von Justine
Post doch was eigenes, marsi, und mache dafür einen Thread auf! :) [/QUOTE]

Jetzt ist erstmal schlechtes Timing dafür, um einen neuen Thread aufzumachen ;)

Aber hab schon verstanden, das ich's hier nicht reinsetzen soll :wink:

Justine
07-12-2003, 22:14
Neiiiiiiiiiiiiiiiin, so hab ich das nicht gemeint!!!
Aber wir können doch einen Thread starten: Texte von uns. Soll ich es für dich tun? :)

Nemoflow
09-12-2003, 17:49
Annemarie Bostroem

"Nun ist es Nacht geworden"

Nun ist es Nacht geworden

Nun ist es Nacht geworden, und Dein Bild
Erhebt sich groß und klar aus meinem Blut.
Der volle Mond hat seinen Leib enthüllt

Und badet in der unbewegten Flut
Ewiger Meere, deren tiefes Blau
Im dunklen Schoße ferner Welten ruht.

In meinen Haaren sammelt sich der Tau
Erlöster Abendnebel - und der Tanz
Der Sterne spiegelt sich, Geliebter, schau,

In meinen Augen, und ich stehe ganz
Von Dir durchatmet und für Dich erdacht
In Flammen - ohne Schleier, ohne Kranz -

Und Nacht ist es geworden, süße Nacht.

:eek: :anbet:

Justine
22-12-2003, 15:18
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lyrikmail Nr. 678 22.12.2003
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Weihnachten


Bäume leuchtend, Bäume blendend,
Überall das Süße spendend,
In dem Glanze sich bewegend,
Alt und junges Herz erregend -
Solch ein Fest ist uns bescheret,
Mancher Gaben Schmuck verehret;

Staunend schaun wir auf und nieder,
Hin und her und immer wieder.

Aber, Fürst, wenn dir's begegnet
Und ein Abend so dich segnet,
Daß als Lichter, daß als Flammen
Vor dir glänzten allzusammen
Alles, was du ausgerichtet,
Alle, die sich dir verpflichtet:
Mit erhöhten Geistesblicken
Fühltest herrliches Entzücken.


Johann Wolfgang von Goethe
(1749-1832)

Nine
22-12-2003, 16:09
Mein Herz, ich will dich fragen,
Was ist denn Liebe, sag'? -
"Zwei Seelen und ein Gedanke,
Zwei Herzen und ein Schlag!"

Und sprich, woher kommt Liebe? -
"Sie kommt und sie ist da!"
Und sprich, wie schwindet Liebe? -
"Die war's nicht, der's geschah!"

Und was ist reine Liebe? -
"Die ihrer selbst vergißt!"
Und wann ist Lieb' am tiefsten? -
"Wenn sie am stillsten ist!"

Und wann ist Lieb' am reichsten? -
"Das ist sie, wenn sie gibt!"
Und sprich, wie redet Liebe? -
"Sie redet nicht, sie liebt!"


Friedrich Halm

Justine
23-12-2003, 07:30
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lyrikmail Nr. 679 23.12.2003
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Weihnachten


Zwar ist das Jahr an Festen reich,
Doch ist kein Fest dem Feste gleich,
Worauf wir Kinder Jahr aus Jahr ein
Stets harren in süßer Lust und Pein.

O schöne, herrliche Weihnachtszeit,
Was bringst du Lust und Fröhlichkeit!
Wenn der heilige Christ in jedem Haus
Teilt seine lieben Gaben aus.

Und ist das Häuschen noch so klein,
So kommt der heilige Christ hinein,
Und alle sind ihm lieb wie die Seinen,
Die Armen und Reichen, die Großen und Kleinen.

Der heilige Christ an alle denkt,
Ein Jedes wird von ihm beschenkt.
Drum laßt uns freu'n und dankbar sein!
Er denkt auch unser, mein und dein.


Hoffmann von Fallersleben
(1798-1874)

Nemoflow
23-12-2003, 13:32
Ernst Stadler

Fahrt über die Kölner Rheinbrücke bei Nacht

Der Schnellzug tastet sich und stößt die Dunkelheit entlang.
Kein Stern will vor. Die ganze Welt ist nur ein enger, nachtumschienter Minengang,
Darein zuweilen Förderstellen blauen Lichtes jähe Horizonte reißen: Feuerkreis
Von Kugellampen, Dächern, Schloten, dampfend, strömend .. nur sekundenweis ..
Und wieder alles schwarz. Als führen wir ins Eingeweid der Nacht zur Schicht.
Nun taumeln Lichter her .. verirrt, trostlos vereinsamt .. mehr.. und sammeln sich .. und werden dicht.
Gerippe grauer Häuserfronten liegen bloß, im Zwielicht bleichend, tot ۃ etwas muß kommen .. o, ich fühl es schwer
Im Hirn. Eine Beklemmung singt im Blut. Dann dröhnt der Boden plötzlich wie ein Meer:
Wir fliegen, aufgehoben, königlich durch nachtentrissne Luft, hoch übern Strom. O Biegung der Millionen Lichter, stumme Wacht
Vor deren blitzender Parade schwer die Wasser abwärts rollen. Endloses Spalier, zum Gruß gestellt bei Nacht!
Wie Fackeln stürmend! Freudiges! Salut von Schiffen über blauer See! Bestirntes Fest!
Wimmelnd, mit hellen Augen hingedrängt! Bis wo die Stadt mit letzten Häusern ihren Gast entläßt.
Und dann die langen Einsamkeiten. Nackte Ufer. Stille. Nacht. Besinnung. Einkehr. Kommunion. Und Glut und Drang
Zum Letzten, Segnenden. Zum Zeugungsfest. Zur Wollust. Zum Gebet. Zum Meer. Zum Untergang.

Nemo'ses
31-03-2004, 20:54
T. Krukowski

AMOK


1000 Leute,
5000 Fragen,
10000 Bitten
20000 Tassen Kaffee
um nicht zusammenzubrechen.
Ich holze mich durch einen Wald
Des Wahnsinns.
Rode gigantische Flächen
und mein Gehirn.
Ich lechze nach ner Maschinenpistole,
der Anweisung zum Bau ner A-Bombe
oder nur nach Ruhe.
Irgendwann fällt der erste Dominostein im Kopf
und ich kille SIE ALLE!

Yoonah
02-04-2004, 16:51
Ein Weib
Sie hatten sich beide so herzlich lieb,
Spitzbübin war sie, er war ein Dieb.
Wenn er Schelmenstreiche machte,
Sie warf sich aufs Bett und lachte.

Der Tag verging in Freud und Lust,
Des Nachts lag sie an seiner Brust.
Als man ins Gefängnis ihn brachte,
Sie stand am Fenster und lachte.

Er ließ ihr sagen: O komm zu mir,
Ich sehne mich so sehr nach dir,
Ich rufe nach dir, ich schmachte -
Sie schüttelt' das Haupt und lachte.

Um sechse des Morgens ward er gehenkt,
Um sieben ward er ins Grab gesenkt;
Sie aber schon um achte
Trank roten Wein und lachte.

Heinrich Heine

forrestgump
02-04-2004, 17:41
Juristisch gesehen

Guter Mann
daß Sie Ihr Kind tagtäglich schlagen
nun ja
abreagieren muß man sich
Ihre Art ist noch die ungefährlichste
Sie mischen sich nicht ein
in Kirche
Politik
und Wirtschaft
Sie beschädigen kein fremdes Eigentum
Was Sie da machen
Schwamm drüber
nur das Geschrei
tagtäglich
die Nachbarn
Sie verstehen

................................................................. ................
aus "GANZ NORMAL" / Gebrauchs-Gedichte von Michael Klaus

Schussel
02-04-2004, 19:04
kennt ihr albert ostermaier?

der hat einige gute gedichte :ja: :)

Justine
03-04-2004, 10:50
Lyrik zum Frühjahr

dtv und das Literatur-Café präsentieren jede Woche ein bekanntes deutsches Frühlingsgedicht zum Anhören

Der Frühling als die Hochzeit der Gefühle hat von je her die Dichter zu den wunderbarsten Kreationen inspiriert. Die Freude nach den langen Nächten des Winters, das Ausbrechen aus den Häusern, das Erwachen der Natur und der Romantik - all dies führte zu Gefühlen, die sich als ideales Spielfeld der Lyrik erwiesen. Und wer kennt sie nicht, die Jubelrufe, mit denen die großen Dichter den Frühling begrüßten wie »Frühling, ja du bists!«.

Der Deutsche Taschenbuch Verlag und das Literatur-Café präsentieren daher die schönsten Frühlingsgedichte zum Reinhören. Inszeniert und interpretiert werden die Gedichte von dem Kreativteam Wolfgang Tischer (Text) und Jan Dintenbusch (Musik). Bis Ende Mai erwartet die Besucher des dtv und des Literaturcafes exklusiv jede Woche ein neues Frühlingsgedicht. Machen Sie sich eine Freude und hören Sie einfach mal rein.

Die Frühlingsgedichte der Aktion:

Folgende Gedichte stehen für Sie zum Download bereit (mit Datum der Veröffentlichung; Format: mp3)

08. März: Hugo von Hofmannsthal: »Vorfrühling«
12. März: Martin Greif: »Frühlingsnähe«
17. März: Paul Heyse: »Vorfrühling«
20. März: Eduard Mörike: »Er ists«
26. März: Johann Heinrich Voß: »Frühlingsliebe«
01. April: Rainer Maria Rilke: »Aus einem April«
08. April: Friedrich Wilhelm Güll: »Osterhäslein«
10. April: Johann Wolfgang von Goethe: »Osterspaziergang«
15. April: Theodor Storm: »Neuer Frühling«
23. April: Joseph von Eichendorff: »Frühlingsnacht«
01. Mai: Friedrich von Hagedorn: »Der erste May«
06. Mai: Heinrich Heine: »Mir träumte wieder der alte Traum«

Die Gedichte stammen aus dem Gedichtband »Gedichte für einen Frühlingstag«, den Gudrun Bull für den dtv herausgegeben hat.


© 2004 dtv, Wolfgang Tischer und Jan Dintenbusch.
Nur zum privaten Gebrauch. Kommerzielle Nutzung, Aufführung, Sendung oder Weiterverbreitung nur mit Genehmigung des Literatur-Cafés.

http://www.dtv.de/dtv.cfm?wohin=shared/fruehling.cfm

Callas
03-04-2004, 13:58
Der Bettler und sein Hund
(Adelbert von Chamisso)

"Drei Taler erlegen für meinen Hund!
Und das auch noch ganz ohne Grund!
Was denken die Herrn von der Polizei?
Was soll nun wieder die Schinderei?

Ich bin ein alter, ein kranker Mann,
Der keinen Groschen verdienen kann,
Ich habe nicht Geld, ich habe nicht Brot,
Ich lebe ja nur von Hunger und Not.

Und wenn ich erkrankt, und wenn ich verarmt,
Wer hat sich da denn meiner erbarmt?
Wer hat, wenn ich auf Gottes Welt
Allein mich fand, zu mir sich gesellt?

Wer hat mich geliebt, wenn ich mich gehärmt?
Wer, wenn ich fror, hat mich gewärmt?
Wer hat mit mir, wenn ich hungrig gemurrt,
Getrost gehungert und nicht geknurrt?

Es geht zur Neige mit uns zwein,
Es muß, mein Tier, geschieden sein:
Du bist, wie ich, nun alt und krank,
Ich soll dich ersäufen, das ist der Dank!

Das ist der Dank, das ist der Lohn!
Dir geht's wie manchem Erdensohn.
Zum Teufel! ich war bei mancher Schlacht,
Den Henker hab ich noch nicht gemacht.

Das ist der Strick, das ist der Stein,
Das ist das Wasser - es muß ja sein.
Komm her, mein Hund, und sieh mich nicht an,
Nur noch ein Fußstoß, so ist es getan."

Wie er in die Schlinge den Hals ihm gesteckt,
Hat wedelnd der Hund die Hand ihm geleckt,
Da zog er die Schlinge sogleich zurück
Und warf sie schnell um sein eigen Genick.

Und tat einen Fluch, gar schauderhaft,
Und raffte zusammen die letzte Kraft,
Und stürzt' in die Flut sich, die tönend stieg,
Im Kreise sich zog und über ihm schwieg.

Wohl sprang der Hund zur Rettung hinzu,
Wohl heult' er die Schiffer aus ihrer Ruh,
Wohl zog er sie winselnd und zerrend her,
Wie sie den Bettler fanden, da lebt er nicht mehr.

Er wurde verscharret in stiller Stund,
Es folgt' ihm winselnd nur der Hund,
Der hat, wo den Leib die Erde deckt,
Sich hingestreckt und ist da verreckt.

Nemo'ses
04-04-2004, 20:10
Georg Trakl - An den Knaben Elis


Elis, wenn die Amsel im schwarzen Wald ruft,
Dieses ist dein Untergang.
Deine Lippen trinken die Kühle des blauen Felsenquells.

Laß, wenn deine Stirne leise blutet
Uralte Legenden
Und dunkle Deutung des Vogelflugs.

Du aber gehst mit weichen Schritten in die Nacht,
Die voll purpurner Trauben hängt
Und du regst die Arme schöner im Blau.

Ein Dornenbusch tönt,
Wo deine mondenen Augen sind.
0, wie lange bist, Elis, du verstorben.

Dein Leib ist eine Hyazinthe,
In die ein Mönch die wächsernen Finger taucht.
Eine schwarze Höhle ist unser Schweigen,

Daraus bisweilen ein sanftes Tier tritt
Und langsam die schweren Lider senkt.
Auf deine Schläfen tropft schwarzer Tau,

Das letzte Gold verfallener Sterne.

anukis
04-04-2004, 21:09
[QUOTE=herrlehmann]

aber zu den Gedichten: ich mag keine Gedichte, ich mag auch keine dicken Bücher und keine Biographien - und deswegen habe ich in jeder Gattung auch so meine Lieblinge, wie z.B.

Paul Celan - Todesfuge

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen
Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus Deutschland

dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith

----------------------------------------------[/QUOTE]

:d: :d:

Dass die Bachmann durch einen Unfall gestorben is, war mir auch unbekannt .. hier lernt man ja noch was

katka
04-04-2004, 21:14
gelöscht

Elodia
06-04-2004, 18:38
Den Nationalsozialisten von Erich Fried

I

Euer Reich hat nur eine Stunde gewährt,
die dunkel begann und verrann.
Aber Ihr habt uns wieder den Haß gelehrt;
dafür klag ich euch an.

Wir sind nicht geächtet durch eure Acht,
der Sieg wird nicht euer sein.
Aber ihr habt den Menschen billig gemacht
und die Würde des Lebens klein.

Wir schreiben nicht mehr eure Schrift,
wir treten nicht in euer Herr.
Ihr habt uns getränkt mit eurem Gift:
Nun fällt uns Güte schwer.

II

Wenn ihr schon lange zerhaun seid zu Stücke,
steht euer Denkmal in allen Ländern,
hebt Blindenstöcke und schlägt mit Krücken
auf an den Straßenrändern.

Und in den Schoß der Frauen geschnitten,
die aus Soldatenbordellen kamen,
weil sie euch ohne Liebe erlitten,
schwärt ihr Leben lang euer Samen.

Eure Lieder sind dann verklungen,
eure Körper und Bücher modern.
Der Haß, zu dem ihr uns gezwungen,
wird lodern.

favicon
07-04-2004, 18:45
Hans Magnus Enzensberger - Die Visite


Als ich aufsah von meinem leeren Blatt,
stand der Engel im Zimmer.

Ein ganz gemeiner Engel,
vermutlich unterste Charge.

Sie können sich gar nicht vorstellen,
sagte er, wie entbehrlich Sie sind.

Eine einzige unter fünfzehntausend Schattierungen
der Farbe Blau, sagte er,

fällt mehr ins Gewicht der Welt
als alles, was Sie tun oder lassen,

gar nicht zu reden vom Feldspat

und von der Großen Magellanschen Wolke.

Sogar der gemeine Froschlöffel, unscheinbar wie er ist,
hinterließe eine Lücke, Sie nicht.

Ich sah es an seinen hellen Augen, er hoffte
auf Widerspruch, auf ein langes Ringen.

Ich rührte mich nicht. lch wartete,
bis er verschwunden war, schweigend.


http://www.gedichtedickicht.de/images/topics/depression.gif

Justine
27-04-2004, 13:40
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lyrikmail Nr. 763 26.04.2004
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Ich leb, ich sterb: ich brenn und ich ertrinke,
ich dulde Glut und bin doch wie im Eise;
mein Leben übertreibt die harte Weise
und die verwöhnende und mischt das Linke

Mir mit dem Rechten, Tränen und Gelächter
Ganz im Vergnügen find ich Stellen Leides,
was ich besitz, geht hin und wird doch echter:
ich dörr in einem, und ich grüne, beides.

So nimmt der Gott mich her und hin. Und wenn
ich manchmal mein', nun wird der Schmerz am größten,
fühl ich mich plötzlich ganz gestillt und leicht.

Und glaub ich dann, ein Dasein sei erreicht,
reißt es mich nieder aus dem schon Erlösten
in eine Trübsal, die ich wiederkenn.


Louise Labé
(1524-1566)

deutsch von von Rainer Maria Rilke

die Autorin: geb. 1524 in Parcieux en Dombes/Lyon,
sie stammt aus einer wohlhabenden Seilerfamilie
italienischen Ursprungs, sie führte lange Zeit einen
literarischen Salon, Labé starb am 25.04.1566
--

Luxemburg
29-04-2004, 16:50
Ich empfehle die Gedichte von: Alfred Lichtenstein, Expressionist, 1914 gefallen. Sehr grotesk-lustige Werke.
Beispiel:

Der Morgen

Und alle Straßen liegen glatt und glänzend da.
Nur selten hastet über sie ein fester Mann.
Ein fesches Mädchen haut sich heftig mit Papa.
Ein Bäcker sieht sich mal den schönen Himmel an.

Die tote Sonne hängt an Häusern, breit und dick.
Vier fette Weiber quietschen spitz vor einer Bar.
Ein Droschkenkutscher fällt und bricht sich das Genick.
Und alles ist langweilig hell, gesund und klar.
...

Mit modernem Zeug kann ich selten was anfangen. Da haben die Meister Brecht und (der späte) Benn ganze Dichter-Generationen mit ihrer aufgeklärten Verstandslyrik versaut und keiner kann sie doch erreichen.

Luxemburg
29-04-2004, 16:54
[QUOTE=marsi]:heul: Ich wußte ja gar nicht, das der Rilke so schöne Gedichte hat.

Wir hatten von dem nur mal eines in der Schule durchgesprochen und seitdem hab ich mir nie wieder was von Rilke durchgelesen:rolleyes:[/QUOTE]

Rilke hat wunderbare Gedichte! Unglaublich gedankentief, reich und reif!

Justine
01-05-2004, 11:22
Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus,
da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus;
wie die Wolken dort wandern, am himmlischen Zelt,
so steht auch mir der Sinn in die weite, weite Welt.

Herr Vater, Frau Mutter, dass Gott euch behüt'!
Wer weiss, wo in der ferne ,ein Glück mir noch blüht!
Es giebt so manche Strasse, da nimmer ich marschiert,
es giebt so manchen Wein, den ich nimmer noch probiert.

Frisch auf drum, frisch auf im hellen Sonnenstrahl!
Wohl über die Berge, wohl durch das tiefe Thal!
Die Quellen erklingen, die Bäme rauschen all',
mein Herz ist wie 'ne Lerche und stimmet ein mit Schall.

Und abends im Städtlein, da kehr' ich durstig ein:
"Herr Wirt, mein Herr Wirt, eine Kanne blanken Wein!
Ergreife die Fiedel, du lust'ger Spielmann du,
von meinem Schatz das Liedl, das sing' ich dazu."

Und find' ich keine Herberg', so lieg ich zur Nacht
wohl unter blauem Himmel, die Sterne halten Wacht;
im Winde die Linde, die rauscht mich ein gemach,
es küsst in der Früh' das Morgenrot mich wach.

O Wandern, o Wandern, du freie Burschenlust!
da wehet Gottes Odem so frisch in die Brust;
da singet und jauchzet das Herz zum Himmelszelt:
Wie bist du doch so schön, o du weite, weite Welt.

Worte: Emanuel Geibel.
Weise: Justus Wilhem Lyra.

Und hier kann man es HÖREN:

http://www.uni-muenster.de/Markomannia/Lieder/HTML/89.html

<--laut singend weiterklickt :)